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Alligatoah: Hymnen der Jetztzeit

Kieler Schloss Alligatoah: Hymnen der Jetztzeit

Ende November wird Alligatoahs neues Album Musik ist keine Lösung erscheinen, knapp zwei Monate vorher präsentiert Lukas Strobel noch einmal seine alten Hits im Rahmen einer Akustik-Tour. Im ausverkauften Kieler Schloss leistete er „Akkordarbeit“

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Mit seinen mittlerweile 26 Jahren ist Alligatoah eine deutliche Ecke älter als seine Durchschnittsfans.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Wäre Alligatoah nur halb so dope, wie er ist, man müsste sich um den Kartenverkauf Sorgen machen. So aber darf man von einem brillanten Timing sprechen und findet sich am Freitag im ausverkauften Schloss wieder, auf dessen Bühne ein einsamer Steinway vor Baustellenkulisse steht.

Bevor Alligatoah und sein Pianist BRKN hier „Akkordarbeit“ leisten, nimmt als sympathischer Warm-up zunächst einmal Dazzle zwischen Bauzaun und Verkehrsschildern Platz. Ausgestattet mit Gitarre, Loop-Maschine und beachtlicher Rap-Kompetenz im Hochgeschwindigkeitsbereich mischt der Newcomer aus Berlin für eine Handvoll Songs lateinamerikanisches R&B-Feeling mit Doubletime-Rhymes und drolligen Lyrics. Ganz nett.

War das Geschrei schon groß, als Dazzle nur den Namen des eigentlichen Hauptacts erwähnte, kippt es prompt in Kreischen, als Alligatoah wenig später tatsächlich erscheint. Er beginnt seinen Auftritt mit seinem neuen Song Vor Gericht, der seit zwei Wochen auf YouTube rotiert und inzwischen bereits im Rückenmark seiner Zuhörer verankert ist. Der Text sitzt und es kommt keine Sekunde der Eindruck auf, dass er seine Wirkungsmacht ohne fette Beats und Gitarren-Licks einbüßt. Nein, Alligatoah ist in jeder Hinsicht genug Rampen- und BRKN genug Pianosau, um diesen Abend im Kleinformat so bossig umzusetzen, als wäre das hier ein Trailerpark-Konzert. Die Schilder seiner Baustelle nutzt der Rapper dabei für ein bisschen Comedy am Rande, flirtet mit der LED-Anzeige des einen und drischt mit seinem Helm rhythmisch auf die Signalstreifen des anderen ein.

Mit seinen mittlerweile 26 Jahren ist Alligatoah eine deutliche Ecke älter als seine Durchschnittsfans. Der Vorteil daran ist, dass sich im Laufe seines ersten Karrierejahrzehnts bereits genügend Hits angesammelt haben, um bei diesen anhaltende Hochstimmung zu erzeugen. Willst du, Narben, Amnesie: Sie verfehlen ihre Wirkung auch in den Duo-Versionen nicht, und weil Alligatoah eben nicht nur MC, sondern auch Barde ist, kommt selbst auf Dauer keine Langeweile auf. Nicht von ungefähr kann einem mitunter Jan Böhmermann in den Sinn kommen, wenn Lukas Strobel aus vollem Herzen singt. BRKN greift dazu bewusst überkräftig in die Tasten und gibt auch bei den Gags zwischen den Stücken einen schönen Sidekick ab. Dramaturgisch sinnvoll, dass bei alledem nicht jeder Song auf die Zwölf zielt: Auch für eine Ballade wie Trauerfeier ist hier Platz, zu der nicht nur Handy-LEDs, sondern auch analoge Feuerzeugflammen durch den Saal leuchten.

Im rauschenden Finale lässt es Deutschlands beliebtestes Rap-Reptil dann noch einmal richtig krachen, steckt sein Mic zu Mein Gott hat den Längsten symbolträchtig in einen der Leitkegel der Baustelle und macht aus Trailerparks Bleib in der Schule kurzerhand einen Kanon zum Mitsingen. Spätestens als der Refrain aus allen Kehlen durch den Saal tönt, weiß man, dass man an diesem epischen Abend einige Hymnen der Jetztzeit erlebt hat.

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