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Eine Csárdásfürstin im Varieté der wilden Zwanziger

Landestheater Schleswig-Holstein Eine Csárdásfürstin im Varieté der wilden Zwanziger

Eine „unschickliche“ Mésalliance vor dem Hintergrund einer zusammenbrechenden Gesellschaftsordnung – das ist das Thema von Emmerich Kálmáns dezent sozialkritischer Operette „Die Csárdásfürstin“, die jetzt am Theater Flensburg ihre Premiere feierte.

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Nacht für Nacht verdreht die Chansonnette Sylva Varescu (Anna Schoeck) den adligen Besuchern des Varieté-Theaters mit hinreißendem Gesang und atemberaubender Schönheit den Kopf.

Quelle: Landestheater

Flensburg. Der gebürtige Ungarn Kálmán hatte seine erfolgreichste Operette 1915 mitten im ersten Weltkrieg geschrieben und damit der zum Aussterben verurteilte KuK-Welt der Müßiggänger, Halbweltmädchen und dünkelhaften Adligen ein melodiensattes, aber unüberhörbar melancholisches Denkmal gesetzt.

 Das Flensburger Produtionsteam mit Regisseurin Sarah Kohrs und den Ausstatterinnen Sybille Meyer und Martina Lüpke nahm diesen sich aufdrängenden Gedanken einer verzweifelt aufgekratzten Endzeitstimmung nicht auf, verortete die Geschichte in die „wilden Zwanziger“ und reduzierte das Ganze auf die Konfrontation einer verstaubten Adelsgesellschaft mit dem vergnügungssüchtigen Milieu des halbseidenen Varietées. Und so darf sich die Chansonette Sylva (Anna Schoeck) aus der Welt der Bonvivants und Revuegirls ihren steinigen Weg ins anachronistische Reich abgehalfterte Adliger bahnen, um am Ende doch noch mit ihrem wenig charakterfesten Fürstensöhnchen Edwin ins ungewisse Ehe-Elysium einzuziehen.

 Bühnenbild und Kostüme spiegelten diese gegensätzliche Welten überdeutlich wider, die Personenchoreographie fiel einfallsreich, teilweise virtuos und manchmal albern aus, die überlangen Sprechpassagen wirkten meist ein wenig hölzern und hilflos.

 Im Orchestergraben erfreuten die Landessinfoniker mit gutgewählten flotten Tempi, fein herausgearbeiteten Mittelstimmen in den Holzbläsern, übertrieben es aber unnötigerweise bei blechgepanzerten Forteattacken. Florian Erdl hatte Orchester und Bühne gut im Griff und vermittelte durchgehend die Kálmán’sche Melange aus schwungvollem Übermut, sentimentaler Walzerseligkeit und anrührender Melodramatik. Der eher unterbeschäftigte Chor (Einstudierung Bernd Stepputtis) komplettierte die meist gefälligen Bühnenarrangements.

 Bei den Protagonisten gefiel der bühnenerfahrene Markus Wessiak als ergrauter Freund Feri mit einer souverän-symphatischen Profilierung dieser strippenziehenden Charakterrolle. Nicholas Shannon als quicklebendiger Graf Boni verblüffte zwar mit atemberaubender Gleichzeitigkeit von Akrobatik und Gesang, tat aber bei seinen publkumswirksamen Kaspereien auf Dauer etwas des Guten zuviel. Und Christopher Hutchinson als ewig zögernder Möchtegernbräutigam Edwin gerierte sich zwar rollendeckend als unglücklich Verliebter, blieb aber dem tenoralen Anspruch seiner Partie Etliches schuldig.

 Prächtig aufblühend hingegen der gerundete Sopran von Anna Schoeck, die als Czardasfürstin Sylva neben Aplomb und Charme auch Verzweiflung, Wut und Hysterie, aber auch ausgelassene Freude glaubwürdig und facettenreich über die Rampe zu bringen vermochte. Die Krone des Abends gebührte aber wieder einmal Tina Marie Herbert als Komtesse Stasi, die neben ihrem glockenreinen Sopran auch anmutige Gewitztheit und virtuoses Ensemblespiel in die künstlerische Waagschale dieses Abends zu werfen wußte.

 Weitere Aufführungen am 22. März und 5. April in Flensburg; 9. April in Rendsburg und 3. April in Itzehoe. www.landestheater-sh.de

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