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Alles so schön edel hier

62. Landesschau in der Pinneberger Drostei Alles so schön edel hier

Aktuelle Kunst im Barockplais: 62 Künstler sind in der vom BBK Schleswig-Holstein ausgerichteten Landesschau vertreten, die zum ersten Mal in Pinneberg zu Gast ist.

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Kontraste: Gegenständliche Malerei von Barbara Kirsch, Rainer Wiedemann und Gudrun Siegmund (re.) trifft auf konstruktive Bodenarbeiten von Regine Bonke.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Pinneberg . Pinneberg. Das feine Barockpalais Drostei im Herzen Pinnebergs ist umstellt von Siebzigerjahre-Bausünden und den unvermeidlichen Weihnachtsbuden. Drinnen aber, in den hohen, lichten Sälen mit Stuckdecken und Kabinetten mit großen Sprossenfenstern sorgen jetzt 62 schleswig-holsteinische Künstlerinnen und Künstler für ein ästhetisches Gegenprogramm – definitiv besinnlicher als alles da draußen. Am morgigen Sonntag wird dort die 62. Landesschau eröffnet und ist damit zum ersten Mal in Pinneberg zu Gast.

 Klein, aber fein ist die Jahresausstellung, zu der der Künstlerverband BBK Schleswig-Holstein diesmal an den Hamburger Rand gebeten hat. Der Raum ist begrenzt im denkmalgeschützten Backsteinbau, und die Jury musste folglich strenger selektieren als zuletzt in Eutin oder Schloss Gottorf. „Unter den 62 Künstlern sind unglaublich viele neue Namen“, konstatiert BBK-Vorsitzende Monika Rathlev und hat auch schon eine von mehreren Begründungen parat. Erstmals hatte die Jury nicht anhand von Originalen, sondern nach Fotos zu entscheiden. Das hat zwar viele Kritiker auf den Plan gerufen, weil Abbildungen eben nur die halbe Wahrheit sind, aber offenbar auch viele Mitglieder mobilisiert, denen der Aufwand bisher zu groß war, ihre Arbeiten in den Pavillon nach Kiel zu transportieren und nach der Entscheidung wieder abholen zu müssen. „Viele ältere Mitglieder tauchen nun plötzlich in dieser Landesschau wieder auf“, freut sich Monika Rathlev. Nicht nur gefühlt: 32 Teilnehmer sind über 60 Jahre alt, so die Statistik. Anders Petersen, als Künstler Mitglied der Jury, spricht zu Recht auch von „geografischer Gerechtigkeit“, die mit dem neuen Verfahren Einzug hält.

 Die rigide Auswahl der Jury hat spürbar positive Auswirkungen auf die Qualität der Exponate. Manches von dem, was an Ausstellungsorten mit größerem Raumangebot noch gerade „durchging“, musste jetzt ausjuriert werden: Von 487 eingereichten Arbeiten hängen jetzt ganze 83. Und die meisten hängen gut, denn Flachware, also Malerei, Zeichnung, Grafik und Fotografie, dominiert ebenso wie Figuratives und Gegenständliches. Skulptur, Installation und Objekt rangieren nicht zuletzt wegen Vorgaben des Denkmalschutzes zahlenmäßig weit hinten. Konzeptkunst findet traditionell selten den Weg in die Landesschau. Eine der wenigen Ausnahmen in Pinneberg ist die Kieler Künstlergruppe Kunst & Streben mit ihrem ironischen Herren-Talkshow-Video Tal des Jammerns über Kunst- und Gesellschaftsdiskurse als trübe Endlosschleife.

 Malerei als Empfangskomitee: Anders als bei den jungen Brockmann-Kandidaten aktuell in der Stadtgalerie wird das klassische Medium hier gepflegt. Gleich im Foyer mit dem schwarz-weißen Fliesenmuster muss man beim Großformat der Husumerin Anja Pletowski zweimal hinschauen. Die Leinwand teilt sie auf in neonleuchtende Farbfelder, Grauzonen und Linien, die mit freier malerischer Form kontrastieren. Das zeigt Könnerschaft, wandelt aber auch auf gefährlich schmalem Grat zum Dekorativen. Aber nicht nur Pletowski gibt dem Affen Zucker in dieser Landesschau. Vieles ist schön anzusehen, einiges auch sehr delikat, noch dazu im Kontext des historischen Ambientes. Anderes leider nur hübsch oder bloß amüsant.

 Aber wer hinschaut, findet hier nicht wenige, die ihr Handwerk beherrschen und eben nicht an der Oberfläche bleiben. Heinke Both aus Trittau zum Beispiel, deren vielschichtige, sensible Porträts sich lesen lassen wie Poeme oder Erinnerungsschatten. Aber bloß nicht zu lyrisch werden, würde an dieser Stelle vielleicht Danijela Pivasevic-Tenner, Keramikkünstlerin aus Neumünster, sagen. Sie formt und gießt Verpackungsmodule in Porzellan und Gips ab und bringt Unvereinbares wie Wertbeständigkeit und Wegwerfkultur zsammen.

 Im Gedächtnis bleiben auch gute Fotoarbeiten: Stark das zeitlos wie eindringliche Mädchenporträt der Preetzerin Ute Sophie Knabe. Verrätselt die überblendete Schwarz-Weiß-Szenerie des in Kiel lebenden Letten Maris Bogustovs, die an die Ästhetik des russischen Filmemachers Tarkowski erinnert. In seiner Vergänglichkeit als Blüte beinahe unkenntlich ist das verwelkte Gladiolenblatt des iranischstämmigen Sharam Minai aus Norderstedt. Der erlesene Goldrahmen indes ist des Schönen zu viel. Mit diesem Hang zur ästhetischen Veredelung ist Minai allerdings in der Drostei in guter Gesellschaft.

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