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Abenteuer statt Erbsenzählerei

„Aschenputtel“ als Weihnachtsmärchen in Kiel Abenteuer statt Erbsenzählerei

„Aschenputtel“ ist als Weihnachtsmärchen am Theater Kiel begeistert aufgenommen worden. Dabei haben die Dramaturgen Annika Hartmann und Jens Paulsen die altbekannte Geschichte ordentlich gegen den Strich gebürstet.

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Im Netz der psychedelischen Riesenspinne: Taube Frieda (Agnes Richter), Aschenputtel (Claudia Friebel), Schlossspinne Agathe (Genia Maria Karasek) und Kellerassel Egon (Siegfried Jacobs, v.li.).

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Kiel. Was haben Liebe im Raumschiff Venus (Cinderella 2000) und Aschenputtel, das diesjährige Weihnachtsmärchen am Theater Kiel, gemeinsam? Nun, beide sind überaus freie Adaptionen des Grimmschen Märchenklassikers, der selber bereits auf die französischen Fassung von Charles Perrault aus dem Jahre 1697 gründet, die wiederum in der Disney-Verfilmung Unsterblichkeit erlangte. Während aber über die eingangs erwähnte krude C-Movie Weltraum-Gurke selbst Genre-Fans die Stirn runzeln, zeigte nicht nur die uneingeschränkte Begeisterung des kleinen und großen Premierenpublikums, dass Aschenputtel-Motive unkaputtbar sind, und selbst eine nahezu komplette Neudichtung seinen Reiz hat. Wenn sie denn gut gemacht ist. Und in Kiel ist sie das.

 Die Dramaturgen Annika Hartmann und Jens Paulsen haben die altbekannte Geschichte ordentlich gegen den Strich gebürstet. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn statt den Prinzen originalgetreu nach seiner zukünftigen Gattin, die er nur kurz zu Gesicht bekommen hat, suchen zu lassen, dreht das Autorenteam die Stoßrichtung der Geschichte kurzerhand um. In der Tradition eines klassischen „Quest Plots“ bricht nun Aschenputtel zum Schloss auf, um dem berühmten häuslichen Elend zu entfliehen. Abenteuer sind nun mal schöner als Erbsen zählen.

 Passieren tut das hier in dem brillanten Bühnenbild von Marie Rosenbusch, das nicht nur ein Festival der Farben und Formen ist, sondern bewegliche Bühnenelemente durch geschickte Choreografie so in Szene setzt, dass die ganze Inszenierung wirkt wie eine einzige traumhafte Überblendung. Es gibt großartige, aber niemals überlastet Schauwerte, alles steht im Dienste der Geschichte und – Neudichtung hin oder her – versprüht den Zauber romantischer Märchenhaftigkeit.

 Die kolumbianische Regisseurin Jimena Echeverri-Ramirez entwickelt aus dieser Lesart einen ungeheuren Sog. Sie erzählt klar, spannend, witzig, warm und lässt dem von Christine Hielscher in ebenso reizende wie vielsagende Kostüme gekleideten Ensemble genug Platz zum Glänzen. Zwischen jugendlicher Abenteuerlust und mädchenhafter Scham, Aufbegehren und Zurückhaltung ist Claudia Friebel die Idealbesetzung der Titelfigur. Ihr sensibel ausbalanciertes Spiel formuliert eine schöne Gegenstimme zum märchengerecht ausgestellten Habitus der übrigen Figuren.

 Agnes Richter berauscht als quirliger, herrlich schelmischer, lustiger weißer Vogel, der Aschenputtel nicht ganz uneigennützig dazu animiert, der Brautschau des Prinzen beizuwohnen. Felix Zimmer räumt nicht nur als Prinz, sondern ganz besonders als gruseluntaugliches Schlossgespenst Humphrey mächtig ab. Die Szenen mit dem frustrierten aber herzensguten Geist sind unschlagbar. Christian Kämpfer gibt als Ziegenbock Theophil einen fies verschlagenen, stets im roten Bereich drehenden Haushofmeister, während Genia Maria Karasek (Tochter von Generalintendant Daniel Karasek) als böse Stiefschwester, lebende Ritterrüstung und psychedelische Riesenspinne begeistert. Unter anderem als verräterische Kellerassel Egon komplettiert Siegfried Jacobs schließlich das illustre, blendend aufspielende Personal.

 Weil Musik zum Weihnachtsmärchen im Opernhaus gehört wie die Kerzen an den Baum, hat Bettina Rohrbeck von Tango und Bossa über Chanson und Rock ’n’ Roll bis zur Musical-Opulenz einen tollen, vielschichtigen Soundtrack komponiert, der auch auf CD gebrannt wurde.

 Vorstellungen: Opernhaus Kiel. Kartentel. 0431/901 901, www.theater-kiel.de

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