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Gepflegte Gespräche

SHMF mit Andras Schiff Gepflegte Gespräche

Es sind anregende Sonntagabende, die das Schleswig-Holstein Musik Festival seinen Gästen im Kieler Schloss gegenwärtig bietet. Hier, wo mit Ivo Pogorelich gerade ein pianistischer Exzentriker zu erleben war, könnte man den Auftritt seines Kollegen András Schiff genau eine Woche später beinahe als karmischen Ausgleich interpretieren.

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Kammermusikalischer Hochgenuss: Pianist András Schiff mit der Cappella Andrea Barca.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Wie er stehen an diesem Abend auch die Mitglieder seiner Cappella Andrea Barca für das Ideal eines apollinischen Musizierens – freundlich, klar und altruistisch. Das Ergebnis dieser Haltung zeigt sich bereits in Ludwig van Beethoven Quintett Es-Dur op. 16 umso eindrucksvoller, als sich Schiff mit schweren Kalibern umgibt. Die Oboistin Louise Pellerin, die Hornistin Marie-Luise Neunecker, der Klarinettist Riccardo Crocilla und der Fagottist Stefan Schweigert sind allesamt hochvirtuose Charaktermusiker, die hier in einen wunderbar entspannten und egalitären Dialog treten. Tauchen sie daraus momenthaft solistisch auf, wirkt das, als würde im großen Meer eine Welle kurz im Sonnenlicht funkeln, um sich dann wieder mit den anderen zu vereinen.

 András Schiff spielt hierbei die Rolle eines sanften Klavier-Conférenciers, der in seinem Spiel Subtilität mit Lockerheit paart, von seinen Mitstreitern genau deshalb zuweilen auch in aller Freundschaft klanglich überdeckt wird. Ist dieser Beethoven plausibel? Unbedingt – wenn man bereit ist, im Gegenzug für den kammermusikalischen Hochgenuss eine gewisse musikalische Harmlosigkeit in Kauf zu nehmen. Hat man allerdings Ivo Pogorelichs Beethoven noch im Blut, der hier am Sonntag zuvor zur gleichen Zeit erklungen ist, könnte man im Verlauf des Quintetts durchaus eine gewisse, wenn auch hochgradig gepflegte Langeweile verspüren. Äußerst unangenehm bei alledem: der erneut massive „Schlosshusten“, durch den in dieser Festival-Saison schon so manches Kieler Konzerterlebnis zerbellt wurde.

 Auch Antonin Dvoráks Streichquintett Nr. 2 G-Dur op. 77 wird danach von dem Panocha Quartett und dem Kontrabassisten Christian Sutter ganz aus dem Geist gleichrangiger Verbundenheit heraus entwickelt. Der Schweizer Bassmann mit dem langen Bart gerät dabei an seinem Instrument mitunter beinahe ins Swingen, die vier tschechischen Musiker verkörpern in zu Herzen gehender Weise die Streichquartett-Tradition ihres Heimatlandes. Ihre klangfarblich sehr intensiv ausmusizierte Exegese des Werks wirkt so selbstverständlich wie lebendig. Und man ist in Anbetracht von so viel Brio gerne bereit, es mit der Intonation nicht so genau zu nehmen, wie man es bei anderen Ensembles tun würde. Auch András Schiff lässt sich die berührende Darbietung übrigens nicht entgehen und nimmt neben den anderen Cappella-Andrea-Barca-Musikern als aufmerksamer Zuhörer unter der Empore Platz.

 Für Franz Schuberts Klavierquintett A-Dur D 667 vereint er sich dann mit dem Geiger Erich Höbarth, dem Bratschisten Hariolf Schlichtig, dem Cellisten Christoph Richter und der Kontrabassistin Brita Bürgschwendtner. Fast scheint ihre gemeinsame Deutung des Forellenquintetts hier so etwas wie die Summe der beiden vorangegangenen Programmpunkte zu bilden. Es wird frisch und unaufgeregt musiziert, wobei Höbarth immer wieder den Primarius gibt und Schiff den Gentleman. Doch dies bleiben Akzente in einer insgesamt bestechend ausgewogenen Form des vertrauten Musizierens, an dessen Ende herzlicher, lang anhaltender Applaus steht.

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