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„So sei es denn, Lotte. Lotte, lebe wohl“

André Eisermann im Kulturforum „So sei es denn, Lotte. Lotte, lebe wohl“

Echtes Kopfkino hatte André Eisermann hinsichtlich seiner Performance Goethe Werther Eisermann versprochen und er hat Wort gehalten. Im rappelvollen Kulturforum machte der mehrfach ausgezeichnete Schauspieler die Leiden des jungen Werther, dessen unerfüllte Liebe zu der bereits vergebenen Lotte bekanntermaßen im Freitod mündet, mit Händen greifbar und wurde vom Publikum nach einem berührenden, emotionalen Kraftakt mit stehenden Ovationen belohnt.

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André Eisermann im Kulturforum

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Die Projektion einer alten Werther-Ausgabe an der Wand, auf dem Tisch ein scheinbar nicht minder betagtes Buch, in dem er mehr blättert als liest: Nach 16 Jahren und 600 Aufführungen braucht Eisermann kaum äußere Hilfsmittel, um die Zuhörer in den Bann dieser Geschichte zu ziehen, die auch nach 240 Jahren nicht an Aktualität eingebüßt hat. Musikalisch am Klavier begleitet von Jakob Vinje, der mit seinem dezenten Spiel an markanten Stellen atmosphärische Akzente setzte, präsentierte er den dramatischen Text von 1771 des damals 22-jährigen Goethe in Kiel zum vorletzten Mal. Die Lübecker Lesung tags drauf markierte das Ende des Projektes.

 Ursache dieses Erfolges ist natürlich der Text selbst, dessen literarische Brillanz im Glanze der hartnäckigen Selbstbespiegelung funkelt. Eisermann macht die Worte lebendig, taucht tief ein in die Gefühlswelt des Jünglings, der sich in seinen Briefen an den fernen Freund Wilhelm zunächst in schwärmerischen Naturbetrachtungen eines verschwenderischen Frühlingstages verliert, bis ihn die erste Begegnung mit Lotte in helle Verzückung versetzt. Mit geschlossenen Augen, den Kopf leicht zurückgelegt, beschwört der 48-Jährige das Bild der jungen Frau, die ihrer vielköpfigen Geschwisterschar mit schlichter Selbstverständlichkeit das Brot zuteilt. Manieriert gurrend jauchzt er die Begeisterung des unsterblich Verliebten heraus: „Oh, tanzen müsste man sie sehen!“ und stellt wenig später beinahe wispernd fest: „Mich liebt sie.“

 In kleinen Explosionen lässt er dabei die Konsonanten auf den Lippen zerplatzen, untermalt von perlenden Tastenläufen wird sein „sie lie-b-t mich“ zur sinnlichen Verheißung. Ein dröhnender Missklang des Klaviers läutet den Absturz ein: „Albert ist gekommen.“ Von nun an setzt sie ein, Werthers Krankheit zum Tode, und Eisermann echauffiert sich mit dem verzweifelten Helden, hadert, jammert und rast. Seine eben noch weltumarmende Gestik wird zunehmend fahrig, um irgendwann in starrer Bewegungslosigkeit zu enden. Mucksmäuschenstill ist es im Saal, als Werther seine Abschiedsworte an Lotte richtet, und nicht wenige Zuhörer dürften bei dem geflüsterten „So sei es denn, Lotte. Lotte, lebe wohl“, einen Kloß im Hals gespürt haben. Großartig.

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