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Die Schmerzgrenze als Ziellinie

Andreas Rebers im Metro-Kino Die Schmerzgrenze als Ziellinie

Darf man das? Es war Tag zwei nach den entsetzlichen Anschlägen von Paris. Im voll besetzten Metro-Kino machte Andreas Rebers mit seinem aktuellen Programm Rebers muss man mögen wieder reinen Tisch und singt auch an diesem Abend die bereits vor Jahren komponierte Islamisten-Polka.

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Aus aktuellem Anlass noch eine Spur wütender, vielleicht betroffener: Andreas Rebers.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. „Der Islamist, das ist ein armer Wicht / Die gute Laune kennt er nicht / Hat keine schöne Volksmusik / Und führt dann gern Guerilla-Krieg / Selbstmord-Attentäter / Komm ein bisschen später / Und verüb Dein Attentat, ganz allein für Dich privat“, heißt es da.

Darf man das? Für den Kabarettisten mit der Schmerzgrenze als Ziellinie stellt sich diese Frage nicht. Er will stören, aufrütteln, provozieren und wehtun. Überdosierte Schärfe definiert bei ihm den guten Geschmack. Dennoch scheint Rebers, der sich immer schon äußerst kritisch gegenüber der Religion im Allgemeinen, ganz dezidiert aber gegenüber „Berufsmuslimen“ und „Salafisten“ äußerte, an diesem Abend noch eine Spur wütender, vielleicht betroffener zu sein. Man mag über seinen beißenden Witz, der islamische Einrichtungen in Deutschland schon mal als „Brückenköpfe“ im aggressiven Expansionsstreben des Islam bezeichnet, lachen oder staunen, den Kopf schütteln oder applaudieren. Auch der starke, bittersüße aber sehr islamkritische Song Rock 'n' Roll Will Never Die badet genüsslich in politischer Unkorrektheit und zeitigt die angestrebte Wirkung aus Irritation und Zustimmung.

 Doch es gibt auch andere Momente. Am Ende einer Nummer, die die wohlfeilen Erklärungsversuche deutscher Medien in Bezug auf vermeintliche Gründe islamistischen Terrors attackiert, sagt Rebers ganz nüchtern, geradeaus und gleichsam seine angestammte Bühnenfigur Reverend Rebers aufgebend „Gewalt ist immer eine Entscheidung.“ Für Sekunden herrscht kollektives Schweigen im Saal. Für einen Wimpernschlag fällt die „vierte Wand“ und vereint den Künstler und sein Publikum in namenloser Bestürzung. Nicht nur in solchen Momenten spürt man, dass der Familienvater seinen verbalen Frontalangriff in Wahrheit als beste Verteidigung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versteht.

 Danach ging es natürlich mit unverminderter Härte weiter im sprachgewaltigen Text des selbsternannten Predigers, der – schreiend komisch – zum Gottesdienst seiner Glaubensgemeinschaft „Schlesische Bitocken” in den „Großen Mompel von Boblowitz” einlädt. Doch die Themen Angst („wie stellt man Angst eigentlich ins Regal?“) und Terror (sich fröhlich am Akkordeon begleitend, singt Rebers zur Melodie des 50er Jahre Schlagers Marina „Scharia, Scharia, Scharia“) bleiben prominent. Vor den Zugaben des dreistündigen Programms dann noch dieser Satz: „Wisst ihr, was mir Angst macht? Dass mir das alles einfällt. Wisst ihr, was mir noch mehr Angst macht? Das euch das so gefällt.“ Ein Prediger darf das. Ende der Andacht.

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