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Rekonstruktion eines Attentats

Ann-Marie Ljungberg im Literaturhaus Rekonstruktion eines Attentats

Als 2009 in Schweden Ann-Marie Ljungbergs Roman "Dunkelheit, bleib bei mir" erschien, kehrte ein Verbrechen zurück in den Fokus der Öffentlichkeit, das im Lande gern totgeschwiegen wurde.

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Ann-Marie Ljungberg rollt die Geschehnisse von 1940 erneut auf: „Ich wollte verstehen, wie es zu dieser Tat kommen konnte.“

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Es geht um eines der schwersten Terrorakte im Schweden des 20. Jahrhunderts, erzählt aus der Perspektive eines der Attentäter. Im Literaturhaus stellte die Autorin und Übersetzerin das Buch vor, das erstes ihrer bisher fünf Romane ins Deutsche übersetzt wurde. Hintergrund der Ereignisse, die im April 1940 zum tödlichen Bombenattentat auf die sozialistische Zeitung „Norrskensflamman“ in Luleå nahe der finnischen Grenze führte, ist der Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion. Während die schwedische Regierung auf Neutralität gegenüber den Aktivitäten im Nachbarland besteht, brodelt in der Bevölkerung der Antikommunismus, waren doch 150 Jahre zuvor die Russen auch einmal in Schweden einmarschiert.

 Die Attentäter von Luleå arbeiten für eine rechtsnationale Zeitung, darunter der Journalist Paul Wilhelmsson. „Ich wollte verstehen, wie es zu dieser Tat kommen konnte“, erzählt Ann-Marie Ljungberg. Sie hat in Zeitungsarchiven und Gerichtsprotokollen recherchiert und rollt unter Einbeziehung von Zeitsprüngen zwischen Vergangenheit und Gegenwart die Geschehnisse quasi von hinten auf. Ausgehend von der Gerichtsverhandlung zeichnet sie die Wochen vor und nach dem Attentat auf und stellt dabei die psychische Verfassung Wilhelmssons und sein sukzessives Abtauchen in den Terror in den Vordergrund. „Es ist wenig fiktiv in diesem Buch“, sagt sie. „Die Personen sind real, wenn auch mit andere Namen ausgestattet. Und natürlich weiß ich nicht, was in ihren Köpfen vor sich gegangen ist.“ Doch gerade der Blick in die Gedanken des Täters, in denen die Grenzen zwischen politischem Engagement und gestörter Obsession, zwischen persönlicher Wut und vermeintlichem Gemeinschaftsinteresse verschwimmen, macht den Roman so fesselnd und erschreckend zugleich. Wie unter dem Brennglas scheint Wilhelmsson seine Umwelt wahrzunehmen – gleichermaßen überdeutlich und verzerrt.

 „Die Geschehnisse von 1940 sind hochaktuell“, so Stephan Opitz, der als Vertreter des Kooperationspartners CAU die Lesung moderierte. „Sie sind eine Referenzebene für die radikalen Strömungen, die sich in Nordeuropa bilden.“ Kein Wunder also, dass man in Schweden noch immer über dieses Buch spricht. Dennoch ist ihr Roman beileibe kein politisches Sachbuch. Mit sensiblem Gespür für die verheerende Dynamik innerhalb der Tätergruppe entwickelt Ljungberg das Psychogramm eines Verbrechens – so spannend wie ein Krimi und doch weit davon entfernt.

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