22 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Im neoklassischen Gewand

Ballettpremiere am Landestheater Im neoklassischen Gewand

Sie gehört in die Reihe der großen tragischen Romanheldinnen des 19. Jahrhunderts: Anna Karenina, Titelfigur von Leo Tolstois 1870 erschienenem Monumentalwerk, ist eine Frau zwischen zwei Männern, die ihre Ehe und Familie einer romantischen Liebe opfert und an dieser Entscheidung zugrunde geht. Am Landetheater in Flensburg liefert die literarische Vorlage jetzt Stoff für eine Ballettversion.

Voriger Artikel
Leuchtfeuer und zarte Schattierungen
Nächster Artikel
The Cure: Hits satt mit dreimal Nachschlag

Plötzlich ist Liebe im Spiel: Anna Karenina (Tanja Probst) und Graf Wronski (Enkhzorig Narmandakh), der in der Partie mit dem Russen Evgeny Gorbachev alterniert.

Quelle: Foto: SH-Landestheater

Flensburg. Sie verlässt den Pfad der Tugend und flieht in die Arme des jungen Graf Wronski, dessen Lebenslust und Leidenschaft ihrem eigenen Naturell viel näher ist als die blutarme Ehrbarkeit ihres gestrengen Gatten. Katharina Torwesten hat die Geschichte des folgenschweren Ehebruchs als Ballett auf die Bühne des Landestheaters gebracht und freute sich nach der Premiere in Flensburg gemeinsam mit ihrem gut aufgelegten Ensemble über langen Beifall und stehende Ovationen.

 Zur Musik von Sergej Rachmaninov, Claude Debussy und Arthur Honegger, nuanciert aufgeführt vom Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchester (Leitung: Florian Erdl), umreißt die Choreografin die facettenreiche Romanhandlung in groben Zügen und konzentriert sich vor allem auf die Dreiecksbeziehung, für die sie emotionale, ausdrucksstarke Bilder im neoklassischen Gewand findet. Die symbolträchtige Bahnhofsszene der ersten Begegnung von Anna und Wronski zu Beginn, in der beide Zeugen eines tödlichen Unfalls werden, ist mit reichlich Nebel nebst Lokomotive rührend naturalistisch geraten (Ausstattung: Erwin Bode). Der Verunglückte (Liang-Che Chien) wird Anna später in ihren Albträumen erscheinen – als schwarzer Todesengel, der sie umschmeichelnd auf seinen Schwingen mit sich trägt.

 Szenen wie diese gehören zu den starken Momenten der Inszenierung, die sich über weite Strecken mit der erzählerischen Gestik und Mimik des Handlungsballetts behilft, um die Konflikte der Figuren zu transportieren. Vor schnell wechselnden Bühnenprospekten zwischen Festsaal, heimischer Bibliothek und Pferderennbahn bietet dabei das Ensemble mit harmonisch-synchronem Gesellschaftstanz die hübsche Folie, vor der sich das Schicksal der Hauptfiguren erfüllt.

 Tanja Probst als Anna demonstriert wie Timo-Felix Bartels (Karenin) und Evgeny Gorbachev (Wronski) eindrucksvoll die erzählerische Kraft des Tanzes. Mit expressiver Körpersprache übersetzt sie die widerstreitenden Gefühle ihrer Figur, die lange schwankt zwischen der pflichtbewussten Ehefrau und der romantisch Verliebten. Aufrecht auf Spitze trippelnd wehrt sie die Avancen des jungen Verführers ab, um gleich darauf wie Wachs in seinen Armen dahinzuschmelzen.

 Wronski untermauert seine Viriliät mit dynamischer Sprungkraft und schwindelerregenden Pirouetten und offenbart in der trefflich paraphrasierten Rennbahnszene erschreckenden Jähzorn. Die Geschmeidigkeit seiner Bewegungssprache, gespiegelt von Anna in dramatischen Pas de Deux, steht im krassen Gegensatz zu der eckigen, steifen Gestik Karenins. Zunächst als personifizierte Spaßbremse dazu da, Anna von den Verlockungen des Gesellschaftslebens abzuführen, engt er sie später deutlich ein, wenn er ihre quirlige Lebhaftigkeit zwischen ausgestreckten Armen lahmlegt und seine großen Hände sie buchstäblich unterdrücken.

 Anfangs in Schwarz, später in Weiß gekleidet, erlebt Anna ihren Untergang in Rot – die Hure, von der Familie und der Gesellschaft gleichermaßen geächtet. Ihre letzte Begegnung mit Wronski wird zum verzweifelten Ringkampf, die tödliche Umarmung der düsteren Traumgestalt nachvollziehbar zur Erlösung.

www.landestheater-sh.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3