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Wundertüte mit Gärtner

Werftpark-Theater Wundertüte mit Gärtner

Der einen fehlt die Aufmerksamkeit der Eltern, dem anderen das Geld für ein Outfit, mit dem man auf dem Schulhof nicht gleich in Grund und Boden gedisst wird. Echt arm heißt das Stück, das Autorin Anne Clausen und Regisseurin Anne Spaeter für das Theater im Werftpark erarbeitet und in der Uraufführung vielschichtig auf die Bühne gebracht haben.

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Pamela (Johanna Kröner), Petre (Horst Stenzel) und Johnny (Julius Ohlemann)

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Ganz schön dicke Luft auf der Bühne. Pamela, die wütend herandampft wie eine alte Lok, blitzende Blicke schleudert und garstige Worte. Und Johnny, der sich einlässt auf ihre Provokationen und gnadenlos kontert. „Müllfresse“ gegen „Müllklamotten“. Eins haben die beiden 12-Jährigen aber doch gemeinsam: Sie sind arm dran. Der einen fehlt die Aufmerksamkeit der Eltern, dem anderen das Geld für ein Outfit, mit dem man auf dem Schulhof nicht gleich in Grund und Boden gedisst wird.

Echt arm heißt auch das Stück, das Autorin Anne Clausen und Regisseurin Anne Spaeter für das Theater im Werftpark erarbeitet haben und in der Uraufführung vielschichtig auf die Bühne bringen. Der Streit von Pamela und Johnny ist da nur der Prolog zu einer Spurensuche in Sachen Armut von emotionalem Defizit bis zu materieller Not. Und Petre, der Schulgärtner, hat seine eigene Geschichte beizutragen. Der kommt aus Siebenbürgen, ist mit Dracula per Du (sagt er jedenfalls) – und er weiß, was Armut wirklich ist.

Klingt kompliziert? Ist es auch, schließlich kommt da ganz schön viel Stoff zusammen: ein relativer, schwer fassbarer Begriff, abwesende Eltern, eine klammernd depressive Mutter, rumänische Straßenkinder und dazu der ganze Schlamassel, den die Pubertät in den jugendlichen Protagonisten anrichtet.

 Sieht dann aber viel weniger kompliziert aus. Denn der Text legt den Finger lieber mit frechem Witz als mit Pathos in die Wunden. Und Regisseurin Anne Spaeter zaubert daraus ohne zu verharmlosen mit allen Mitteln des Theaters von Pantomime und Folklore-Schnipseln bis Schattenspiel und Musik (Dominik Dittrich) eine spritzig poetische Mischung aus Grips-Lehrstück, Märchen und Wundertüte auf die Bühne. Der gelingt es auch, das Zuviel an Botschaft, das sich hier immer mal wieder vordrängelt, weitgehend auszubremsen.

Dazu gehört auch das sichtlich spiellustige Ensemble. Johanna Kröner, deren wunderbar aufsässige Pamela nur so vibriert – vor Wut, Trauer und Aktionismus. Julius Ohlemann, der seinen Johnny still in sich selbst verschließt - zum Rappen aber immer ein bisschen rauslässt. Und dazwischen ist Horst Stenzel ein schalkig schwereloser Petre, ein Wortspieler und Zauberer und ein bisschen wie nicht ganz von dieser Welt.

Sibylle Meier hat dem Trio mit Blumenkästen und Grünzeug einen Steingarten eingerichtet, der als Therapieraum und Spielplatz zugleich funktioniert. Und für Petres Rückblicke öffnet die Bühnenbildnerin in der Rückwand eine riesige Blende auf ein in allen Buntstiftfarben leuchtendes Nichts – Abenteuerland für Fenja Schneider (auch Johnnys Mutter) und Dirk Stierand, die als Liane und der junge Petre tanzend und tobend Kindertraum spielen – in den, bevor es zu harmlos wird, immer wieder die Realität der Straßenkinder einbricht, in Form von Hunger oder der rumänischen „Gehirnpolizei“.

Und während sich die Geschichte von Liane und Petre verdüstert, raufen sich Johnny und Pamela erst mal zusammen, bevor sie sich näherkommen. Denn Echt arm erzählt ja nicht nur von Armut, sondern ganz nebenbei auch von Wut, Kampfgeist und wie man erwachsen wird. Weiterdenken erwünscht.

Theater im Werftpark. Vorstellungen: 11., 25. Oktober, 8. November. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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