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Reformator im theatralen Zoom

Schauspiel Kiel Reformator im theatralen Zoom

„Ich bin Fan dieses Textes!“, begeistert sich die Regisseurin Annette Pullen für das Theaterstück Luther, in dem das renommierte Kieler Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel dem alternden Reformator in der Uraufführung am Freitagabend ein theatrales Denkmal setzen will.

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Die Regisseurin Annette Pullen interessieren die Nuancen in der Geisteshaltung des Reformators Martin Luther.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Die Wucht und Sinnlichkeit der historisierenden Kunstsprache sei enorm, das präzise recherchierte Zeitpanorama um den eher archaischen Menschentypus der frühen Neuzeit – eindeutig noch vor der erkenntnisfördernden Renaissance – faszinierend.

Pullen, die im Kieler Schauspielhaus bereits mit Zaimoglus und Senkels "Die zehn Gebote" sowie Ibsens "Frau vom Meer" und zuletzt Horváths "Kasimir und Karoline" aufmerken ließ, hat Glauben und Aberglauben erst in erfahreneren Jahren für sich als reizvolles Bühnenthema entdeckt. Den „Riss“ zwischen Katholiken und Protestanten kennt die „evangelisch erzogene“ Regisseurin aus ihrer eigenen Familie. „Na klar war der Wartburg-Luther bei uns der große Held. Der späte war mir dagegen genauso unbekannt wie die Tatsache, dass es auch im evangelischen Umfeld Hexenverbrennungen gab, wenn Wetterphänomene wie die extreme Dürre unseres Wittenberg-Jahres 1540 die Herrschenden in Erklärungsnot brachte und die Welt ins Wanken geriet.“

Das Stück, ergänzt Dramaturg Jens Paulsen, konstruiert demonstrativ den historisch nicht korrekten Fall, dass der alternde Reformator doch in Wittenberg weilte, als Bürgermeister Lukas Cranach d.Ä., Künstler, Politiker und als Apotheker auch Unternehmer mit propagandistischer Attitüde, der Lynchjustiz keinen Riegel vorschob. „Eine hinzugedachte Nichte der vermeintlichen Hexe und zwei Studenten von Melanchton und Cranach werden hier mit ihren jungen Problemen, einer Mischung aus Eifersucht, Glaubensfanatismus und unterdrücktem Begehren sehr geschickt zu Motoren der geschichtlich verbrieften Handlungsstränge.“

Pullen reizt die Ambivalenz in Luthers an sich reflektiertem Denken, das sich problematisch antisemitisch entwickelt und die Existenz von Hexen keineswegs negiert: „Er weiß ja auch noch nicht, dass er über die kommenden 500 Jahre selber zum Mythos wird.“ So hofft sie, dass der theatrale Zoom auf den streitbaren Reformator das halbe Jahrtausend in den zweieinhalb Stunden überspringt und zu kontroverser Diskussion über Volksgläubigkeit, Angst und Verunsicherung in einer proapokalyptischen Welt anregt.

www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk

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