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Sensibel und des Kulturerbes würdig

Ansgarkirche Sensibel und des Kulturerbes würdig

Nur 22 Stunden, nachdem die Unesco Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe als „Meilenstein der Musikgeschichte“ in ihr Weltdokumentenerbe aufgenommen hat, ist sie am Sonnabend in der bestens besuchten Ansgarkirche zu hören. Man darf Andreas Koller und seiner wohlpräparierten Heinrich-Schütz-Kantorei also ein gutes Timing bescheinigen.

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Gründliche Chorarbeit: Heiligengeist-Kantor Andreas Koller.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Doch dies ist natürlich nur eine schöne Pointe am Rande einer Aufführung, die den Hörer durch ihre musikalische Substanz zwei Stunden lang zu fesseln vermag. Wie heute allgemein üblich, setzt auch der Kantor auf eine historisch informierte Aufführungspraxis, lässt seinen Chor vom auf Originalinstrumenten spielenden Ensemble 158 begleiten und hat überdies Solisten mit fundiertem Alte-Musik-Background engagiert.

 Es wird hier teils also durchaus der Frage nachgegangen, wie es damals geklungen haben könnte. Besonders überzeugt aber die situative Sensibilität, mit der Koller seinen groß besetzten Kirchenchor einsetzt. Er wählt die Tempi dabei flexibel und passt sie stets an das Potenzial der Sänger an, und auch der klassische „Frauenüberschuss“ scheint in das große Klangbild feinfühlig einkalkuliert. Auf diese Weise entsteht ein voller, aber durchhörbarer Chorsound, der sich gut mit dem inspiriertem Spiel des Orchesters mischt, in dem viele Mitglieder der Kieler Philharmoniker musizieren.

 Mit ihrem klaren und schnörkellos geführten Sopran gestaltet Viola Wiemker ihren Solopart in diesem Kontext in einer Schlichtheit, die eigene Reize birgt, wenn sie beispielsweise ihren Anteil am Christe eleison mit kristalliner Reinheit aussingt. In der Musiktemperatur deutlich wärmer und im Ausdruck berührend anmutig wirkt auf der anderen Seite Anne-Beke Sontags Alt. Sein angenehm natürlich entfalteter Klangfarbenreichtum sorgt im Verlauf der Aufführung immer wieder für intensive Momente und passt sich optimal in deren Gesamtkonzept ein.

Mit viel Physis und Ausdruck bring Jörn Lindemann seinen Tenor zum Einsatz, während Menno Koller seinen Bass-Part mit konzentrierter Zurückhaltung formuliert und mehr als Erzähler denn als Erlebender agiert. Mit diesen Mitteln entwickelt und rundet sich eine Aufführung, in der Elisabeth Farrell und Milo Machover mit hochvitalem Traversflötenspiel für das letzte i-Tüpfelchen sorgen. Großer Applaus für einen dem neuen Kulturerbe würdigen Abend.

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