8 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Das Leben als Verführung

Arnon Grünberg mit seinem Roman „Muttermale“ im Literaturhaus Das Leben als Verführung

Er war als Speisewagenkellner und als Zimmerjunge unterwegs, als „embedded Journalist“ erlebte er während zweier Aufenthalte den Krieg im Irak. Arnon Grünberg (45) will kennenlernen, was er literarisch bearbeitet. Seine jüngste Recherchearbeit an der Seite eines Psychiaters für suizidgefährdete Patienten war eigentlich als Stoffsammlung für einen Zeitungstext gedacht. Die Eindrücke reichten für einen ganzen Roman.

Voriger Artikel
Riesenjubel um die neue "Rigoletto"-Produktion
Nächster Artikel
Grütters würdigt Kisseler: "Autorität in der Kulturpolitik"

Durfte „das Groteske nicht übertreiben, um die Absurdität nicht zu absurd zu machen“: Arnon Grunberg.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. „Muttermale“ erzählt von dem Psychiater Otto Kadoke, der zu seiner pflegebedürftigen Mutter zieht. Tagsüber lässt er sie von einer lebensmüden Patientin betreuen – eine ironische Überspitzung, typisch für Grünberg. „Eigentlich stecken zwei Romane in dem Buch“, so Wolfgang Sandfuchs, der den Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse am Sonnabend im Literaturhaus begrüßte. „Zum einen geht es um die Pflegesituation im Alter, zum anderen um die Erlebnisse des Psychiaters im Krisendienst.“ Der Tonfall beider Handlungsstränge, in denen es (auch) um die verschiedenen Spielarten der Liebe geht, ist oft nachdenklich. „Es gibt auch in diesem Buch unheimlich viel Ironie“, so der niederländische Erfolgsautor, „aber hier funktioniert sie oft auf andere Art als vorher.“

 Während seiner Recherche in der Psychiatrie habe er so viel Skurriles erlebt, dass er sich gezwungen sah, „das Groteske nicht zu übertreiben, um die Absurdität nicht zu absurd zu machen.“ Inspiriert von dem Psychiater, den er begleitete, ist sein Protagonist ein Mann mit professioneller Empathie. In seinem Spezialfach als Betreuer suizidaler Patienten stellt er sich zwischen Leben und Tod. „Persönlich bin ich der Meinung, dass das Leben überschätzt ist“, sagt er einmal – ein Satz, den Grünberg dem realen Vorbild abgelauscht hat. Doch Kadokes Aufgabe ist es, den Lebenswillen seiner Patienten wieder zu wecken, weshalb „Verführung“ zum zentralen Begriff im Roman wird. „In der Psychiatrie lernte ich eine depressive Frau kennen, deren Definition ihrer Krankheit mich tief bewegte: Depression ist, wenn man zu nichts mehr verführt wird.“ In „Muttermale“ dekliniert Arnon Grünberg die unterschiedlichsten Arten der Verführung durch. „Bei diesem Buch ist mir klar geworden: Das Leben ist Verführung und verführt zu werden“, sagt er. „Wenn das aufhört, beginnt der Tod.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3