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In der Wildnis des Big Apple

August Wells In der Wildnis des Big Apple

„Wonderful night in Kiel tonight, 3 encores, great venue and great people, thanks so much!!“ Kenneth Griffin und John Rauchenberger scheint es dem Post auf der ihrer Facebook-Seite nach im recht gut besuchten Prinz Willy gefallen zu haben.

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Singt mit stämmigem Bariton düstere Geschichten: Kenneth Griffin von August Wells.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Dem Publikum auch, denn das spendete dem New Yorker Duo namens August Wells angemessen üppigen Beifall für seinen erlesenen, melancholischen Kammer-Americana-Pop.

Griffin verfügt über einen wohlklingenden, stämmigen, beweglichen Bariton, den er stabil auch in höhere Lagen tragen kann und den er gern wirkungsvoll vibrieren lässt, ohne dass dies je manieriert anmutet. Sein Spiel auf der Fender-Gitarre ist lässig, aber effektiv, wie auch Rauchenbergers einfühlsames E-Piano. Verhuscht wirkt ihr Zusammenspiel nie, passagenweise bauen beide klanglich sogar einigen Druck auf.

Die Qualität der Songs ist so gut, dass sie die sparsame Instrumentierung nahezu verlustfrei vertragen. Gilt auch, obschon man ein wenig die exquisiten Streicher vermisst, für die ergreifende, soulige Ballade Here In The Wild – ein Juwel. Auf Youtube findet sich übrigens ein Konzertmitschnitt dieses großartigen Songs in der Dubliner Konzerthalle Vicar Street. Vorab stimmt dort der irische Singer/Songwriter und Oscar-Preisträger Glen Hansard eine Lobeshymne auf August Wells und auch Griffins Vorgänger-Band Rollerskate Skinny an, die in den 90ern mit prominenten Bands wie Smashing Pumpkins, Hole, Pavement und Mercury Rev auf Tour war.

Im Vicar-Street-Video sind andächtig lauschende Zuhörer zu sehen. Auch im Prinz Willy verfolgen die meisten das Geschehen mit respektvoller Ruhe. Leider nur die meisten. Ein Grüppchen unterhält sich fast unausgesetzt, inklusive einander zuprostenden Flaschengeklöters selbst in sehr ruhigen Passagen. Und es mag in einem anderen Zwiegespräch sicher durchaus vonnöten sein, einen Ölwechsel zu erörtern, aber vielleicht nicht zwingend während des Konzerts. Auch Griffin stößt sich daran. Es gebe doch so viele Worte in seinen Songs, sagt er mit schiefem Lächeln, da bedürfe es doch eigentlich keiner zusätzlichen mehr. Lakonisch, treffend, aber leider nur temporär von Erfolg gekrönt.

Selten hallt ein Irish-Folk-Echo durch die Songs, ist wohl Griffins Dubliner Herkunft geschuldet. Seit 20 Jahren lebt er in New York, und man kann spekulieren, ob der Big Apple die poetischen, eindringlichen Songtexte tendenziell düster gefärbt hat. „When we were young, we got it all wrong“, barmt er in einer Ballade. Schon erwähntes Here In The Wild handelt von drei Leuten, die vielleicht aufgeben oder auch nicht. Das aktuelle Album von August Wells heißt A Living And A Dying Game, Griffin und erzählt von zerbrochenen Träumen, von prekären Jobs, von einer Ballerina mit gebrochenen Zehen. Weinerlich oder sentimental klingt das dennoch nicht, dazu steckt zu viel Energie in den Liedern.

Und manchmal auch Humor, trockener, wenn Griffin singt: „I don’t mind to wake up on the kitchen floor.“ Der letzte Song des regulären Sets, verkündet er, heiße Oh Happy Day. Da lachen einige, denken an den Gospel-Klassiker. Griffin lächelt. Ist allerdings gar kein Scherz. Auch August Wells haben ein Oh Happy Day. Aber ein sarkastisches.

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Ein Artikel von
Thomas Bunjes
Kulturredaktion

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