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Der dritte Blick auf die Wende

Stadtgalerie Kiel Der dritte Blick auf die Wende

Wie prägend ist es, wenn man in zwei unterschiedlichen politischen Systemen aufgewachsen ist? Werden Erinnerungen als Ballast empfunden oder geborgen und behütet wie versunkene Schätze? Die Ausstellung Der dritte Blick. Fotografische Positionen einer Umbruchsgeneration in der Stadtgalerie Kiel geht dieser Frage anhand aktueller fotografischer Positionen nach.

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Nachdenken über das Uniforme im Osten Deutschlands – und was menschlich dahinter stand.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Im Oktober 2015 erstmals im Berliner Willy-Brand-Haus gezeigt, hat die von Sabine Weier kuratierte Ausstellung in Kiel eine Erweiterung erfahren. Collagen vom Dresdener Stadtbild, bis zur Unkenntlichkeit malträtiert mit Feuer, Sand und Wasser, reflektieren das Schicksal der Elbmetropole im Wandel der Zeiten. In magischem Licht präsentieren sich die Villen der einstigen DDR-Bonzen-Siedlung Wandlitz vor unwirklich schwarzem Hintergrund. Klaustrophobisch sind beklemmende Innenaufnahmen von Plattenbauten vor dem Abriss, die an den Blick in einen Bunker erinnern.

 Historisch, politisch und manchmal auch sehr persönlich ist die Herangehensweise der Fotografen an das Projekt, das mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wurde. Initiator ist der 2013 gegründete Verein „Perspektive hoch 3“ , der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Fragen der Erinnerungskultur aus der Perspektive der „Dritten Generation Ostdeutschland“ deutlich zu machen. Denn die insgesamt 11 Ausstellungsteilnehmer sind zwischen 1977 und 1982 in der ehemaligen DDR geboren und damit sogenannte Wendekinder. Viele von ihnen absolvierten die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, andere studierten an der renommierten Berliner Ostkreuzschule für Fotografie. Nach 25 Jahren Deutscher Einheit begreifen sie sich verständlicher Weise nicht als Ostdeutsche. „Um so interessanter ist es für sie, wenn ihre Arbeiten, für die sie nicht nur im Ostteil des Landes auf Motivsuche gegangen sind, unter diesem Aspekt betrachtet werden“, so die Kuratorin.

 Die Themen sind so vielfältig wie ihre fotografische Umsetzung. Der Erfurter Julian Röder etwa konzentriert sich in seinen Arbeiten zwischen Dokumentation und Inszenierung auf den Themenkomplex Macht und Ökonomie. „Human Resources“ nennt er eine kritische Porträtserie von Menschen auf Messeständen, die einsam und verloren inmitten eines sterilen, grellbunten Ambientes herumstehen. Mit kühlem LED-Licht hinterlegt, präsentiert der 34-Jährige die sorgfältig retuschierten Motive in Leuchtkästen, die seine Inszenierungen seltsam entrückt erscheinen lassen. Vergleichsweise poetisch nehmen sich die Arbeiten von Anne Heinlein aus, die auch auf den zweiten Blick als romantische Landschaftsfotografie durchgehen könnten. Tatsächlich handelt es sich bei der Serie „Wüstungen“ um die Langzeitdokumentation einer bizarren Gepflogenheit des DDR-Regimes, das Dörfer und Siedlungen im deutsch-deutschen Grenzgebiet dem Erdboden gleichmachen ließ. „Zarrentin-Strangen, 2008. Bebaut 1911. Gewüstet 1972“ steht unter der Schwarzweißaufnahme eines Waldstücks, hinter dessen verwunschener Anmutung eine traurige Geschichte schlummern dürfte. Das andere politischen Lager schuf die Grundlage für den Zyklus „Verschwundene Bilder“ von Margret Hoppe. Auch hier liefern die Titel wertvolle Erklärungen. „Werner Tübke, Arbeiterklasse und Intelligenz“ heißt die Aufnahme einer leeren Wandfläche in der Universität Leipzig. Davor ein Stapel verpackter, ausrangierter Gemälde des DDR-Künstlers, der unter anderem Werke mit staatlichem Auftrag schuf.

 Es geht also auch augenzwinkernd und das tut der Ausstellung gut. So verfolgt Andreas Mühe, der mit seinem Zyklus Obersalzberg in die Untiefen der gesamtdeutschen Geschichte vordringt, einen herzerfrischend ironischen Ansatz. Angelehnt an die Bildästhetik des Hitler-Porträtisten Walter Frentz bevölkert er in seinen romantisierten Aufnahmen das historisch belastete Bergpanorama mit Uniformträgern, die in die Landschaft pinkeln.

 Filmische Kurzporträts von Nadja Smith und Dörte Grimm stellen aufschlussreiche Bezüge zwischen den Künstlerbiographien und ihren Werken her und runden das Bild dieser sehenswerten Ausstellung.

 Stadtgalerie Kiel (Andreas-Gayk-Straße). Eröffnung morgen, Freitag, 20 Uhr. Bis 8. Mai. Di, Mi, Fr, 10-17 Uhr, Do 10-19 Uhr, Sa+ So 11-17 Uhr. Führungen donnerstags, 17 Uhr sowie nach Vereinbarung. Kostenlose Führung: Samstag, 12. März, 11 Uhr. Katalog: 5 Euro.

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