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Im Wahnzimmer der Subkultur

Ausstellung „Geniale Dilletanten" in Hamburg Im Wahnzimmer der Subkultur

Avanti, Dilettanti! Analog, genreübergreifend, laut und unhierarchisch kommt die Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland“ in Hamburg daher.

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Die Tödliche Doris in Form allegorischer Gestalten auf dem Festival Genialer Dilletanten, Westberlin, 1981.

Quelle: "Foto: H. Blohm, Archiv: Die Tödliche Doris"

Hamburg. Bewusst falsch geschrieben und erarbeitet von der Abteilung Bildende Kunst des Goethe-Instituts, reist die bunte Schau mit über 250 Exponaten, darunter Gemälde, Fotografien, Designobjekte, musikalische Hörproben, Magazine, Konzertmitschnitte bis hin zu Plattenhüllen und Musikkassetten um die Welt. Zwischendurch macht sie jetzt auch im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe Station. Wie schon andernorts, etwa in Melbourne, Minsk und München, wird auch hier ein Schwerpunkt auf die musikalische und künstlerische Untergrundszene direkt vor Ort gelegt, werden Verbindungen aufgezeigt und lokale Besonderheiten herausgearbeitet.

 Im Zentrum der sehens- und hörenswerten Ausstellung steht die Musik. Bands wie die Einstürzenden Neubauten, die Tödliche Doris oder Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.) gingen oftmals aus Kunsthochschulen hervor oder pflegten enge Verbindungen zur Kunstszene. In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren schien alles möglich: Musiker bastelten sich ihre schrägen Musikinstrumente aus Rohmaterial, das sie auf Baustellen, auf Dachböden oder im Sperrmüll fanden. Maler machten Musik, Musiker versuchten sich als Designer und Modemacher, alle schrieben subversive Texte und pflegten Kontakte untereinander über Landes- und Stadtgrenzen hinweg. Die Hierarchien waren aufgehoben, und man lebte lieber frei und prekär in einer 30 Quadratmeter-Hinterhaus-Wohnung mit Außentoilette als einem ungeliebten Chef zu dienen, erinnert sich Wolfgang Müller, Gründungsmitglied der Tödlichen Doris.

 Die Szene in Hamburg – auch das zeigt die Ausstellung – konzentrierte sich vor allem im Karolinenviertel rund um die Buchhandlung Welt und den schrägen Plattenladen „Rip Off“, wo man LPs sogar ausleihen, zu Mixed-Tapes verarbeiten und am nächsten Tag zurückgeben durfte. Legendäre Konzerte fanden in der Markthalle statt. Künstler wie die Oehlen-Brüder, Martin Kippenberger oder Werner Büttner trafen sich im Subito oder im Restaurant Vienna. Die Maler kooperierten auf subversiven Gemälden oder zeitkritischen Collagen, die sich gleichzeitig gegen Alternativszene und Establishment richteten. Eyecatcher in der Hamburger Schau ist das 28 Meter lange, nur für einen Konzertabend im Berliner SO36 entstandene Gemälde „1/10 Sekunde vor der Warschauer Brücke“ von Bernd Zimmer. Außerdem in Hamburg zu sehen: Underground-Gemälde aus den frühen 1980er Jahren, Schwarz-Weiß-Fotografien der Protagonisten der Musikszene von Andreas Dorau bis zum coolen Duo „Die Egozentrischen Zwei“ sowie ausgewählte Designobjekte: kantig, klotzig, meist dysfunktional.

 So geht die Schau auch auf Geschichte und Selbstdarstellung des als Galerie operierenden Hamburger Möbellabels „Möbel Perdu“ ein, die stilprägend für das neue Design der frühen 1980er Jahre war. Florian Borkenhagen, damals als Designer dabei, erinnert sich: „Wir kümmerten uns nicht nur um die Funktion. Die Illusion war, dass man dadurch Politik machen wollte. Aber ein Stuhl macht natürlich keine Politik.“

 Ein weiteres herausragendes Exponat in der Hamburger Schau ist das rekonstruierte „Borngräber Zimmer“, das ehemalige Wohnzimmer des 1993 verstorbenen Designers Christian Borngräber. Ein Gemälde der „Tödlichen Doris“ hängt über dem kantigen Sofa, darauf mit Songtextzeilen bestickte Sofakissen. Kurator Dennis Conrad bringt es auf den Punkt: „Diese Produktion, diese Hemmungslosigkeit, die neuen Ideen, die dem Dilettantismus entsprungen sind und aus der Lust am Machen, einfach Sachen in die Tat umzusetzen – dieser Geist umweht die Ausstellung.“

(Geniale Dilletanten, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 30. April 2016. Di-So 10-18, Do 10-21 Uhr. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 160 S., 126 Abb., 24 Euro. www.mkg-hamburg.de)

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