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Vollklang vom Leben

Ausstellung in Seebüll Vollklang vom Leben

Ein dänische Schauspielerin aus Kopenhagen, angelehnt an ihren Onkel. Emil Nolde (1867-1956) taucht das Familienpaar, seine frisch vermählte Frau Ada und den Probst Vilstrup, im Jahr 1902 in „dunkeltonigen Flächen“, die Christian Ring, Direktor der Stiftung Seebüll, im Frühwerk beobachtet.

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Noldes Selbstbildnisse dreier Lebensphasen treffen im Bildersaal auf die farbkräftigen Sommerblumen des Malers.

Quelle: dpa

Seebüll. Noch sind die späteren Farbexplosionen hier wie im düsteren Dunst eines Kanals in Kopenhagen aus demselben Jahr kaum zu erahnen. Doch weist die Auflösung der Form voraus, schimmert etwas als Farbtupfen auf dem Öl-Relief von Adas Bluse, was sich schon zwei Jahre später, beim Frühling im Zimmer, in tausend Lichtschattierungen impressionistisch Bahn bricht.

 Solche Gegenüberstellungen sind die große Stärke der neuen Jahresschau der Stiftung, die in 129 Exponaten versucht, zu Noldes 150. Geburtstag das reiche Spektrum der Meisterwerke eines legendären Malerlebens zu fassen. Faszinierend ist, wie rasch die Stilistik des Künstlers in verschiedene Richtungen fiebert. „Derbe und flächige Farbklumpen“ kann Seebülls Direktor im Bildersaal bei den Leuten im Dorfkrug von 1912 zeigen. Das passend zum Thema erstaunlich grobe Gemälde war aus konservatorischen Gründen lange nicht mehr zu sehen. Da ist Nolde schon im Aufbruch zum Expressionistischen, malt das Doppelbildnis (1913) eines Schweizer Arztehepaars nicht als Abbild des Äußerlichen, sondern als Porträt des Gemüts, des inneren Seelenlebens. „Es sollen diese Bilder keine gefällig, schöne Unterhaltung sein“, sagt der Meister, „nein, ich möchte so gern, dass sie mehr sind, dass sie heben und bewegen, in dem Beschauer einen Vollklang vom Leben und menschlichen Sein geben.“

 1916, beim Selbstporträt mit Ada, ist er schon ganz im Expressionismus angekommen, wo Figuren wie die Junge Mutter mit Kind „monumental, skulptural überzogen“ Zuneigung symbolisieren. 1930 kann ein Ölgemälde wie der Schwüle Abend dann auch schon wieder zart wie ein Aquarell wirken.

 Apropos Aquarelle. Astrid Becker und Caroline Dieterich haben die stimmig ausgewählten Ungemalten, die Landschaften und Meere, die Blumen-, Porträt- und Tanzbilder in den Kabinetten zum Teil in Petersburger Hängung mutig auf knalligen Farbwänden komprimiert. Das schillert und leuchtet enorm – und kann sich auf die originalen Farbwände in den Wohnräumen berufen.

 Neu ist in den mit knapp 64000 Besuchern wieder zunehmend erfolgreichen Ausstellungsräumen außerdem die LED-Beleuchtung. Und die Möglichkeit zum stillen Gedenken im Garten: Erstmals ist jener Bunker zugänglich, der Nolde zunächst Schutz für seine Werke bei Luftangriffen bot, um dann zur letzten Ruhestätte für seine erste Frau Ada und dann für sich selbst umfunktioniert zu werden.

 Das Gedenkjahr strahlt von Seebüll aus weit im Norden aus. Was auf dem Museumsberg in Flensburg bereits begann, wird mit Ausstellungen in Tondern, auf Gottorf, in Wolfsburg und Lübeck fortgesetzt. In Ahrenshoop wird Nolde in aktuelle Beziehung mit der 1951 geborenen japanischen Künstlerin Leiko Ikemura gesetzt. Und die Kunsthalle Kiel leistet ab November unter dem Motto Nolde und die Brücke das, was in Seebüll schon aus Platzgründen schwierig bleibt: Die spannende Einordnung von Noldes Schaffen in die Zeitläufte der Kunstgeschichte.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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