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Magier der Mandoline

Avi Avital im Interview Magier der Mandoline

Don Giovanni braucht die Mandoline, wenn er unter dem Balkon einer unbekannten Schönen gesanglich „bella figura“ machen möchte. Die Musikwelt braucht das betörende Zirpen des Instruments aus der Lautenfamilie mehr denn je, seit ihm Avi Avital in die Saiten greift. Ein Interview.

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Magier der Mandoline: Echo Klassik-Preisträger Avi Avital konzertiert in Büdelsdorf und Lübeck.

Quelle: Jean-Baptiste Millot / DG

Büdelsdorf. Montagabend begann der in Berlin lebende Israeli seine adventliche Konzerttournee im Hamburger Michel. Am morgigen Mittwoch sowie am 10. Dezember ist der Echo Klassik-Preisträger 2015 („Konzerteinspielung des Jahres“ für die Vivaldi-CD) Stargast der Weihnachtskonzerte vom Schleswig-Holstein Musik Festival in Büdelsdorf und Lübeck.

Was macht für Sie den besonderen Reiz der Mandoline aus?

 Sie ist von einem gewissen Geheimnis umgeben. Wenn man auf die Musikgeschichte schaut, zeigt sich, dass es nicht sehr viele Originalwerke für die Mandoline gibt. Na klar: die Concerti von Vivaldi und das Solo in Mozarts Don Giovanni; außerdem kleine Stücke von Beethoven, die kaum jemand kennt. Sie alle aber sind ganz besonders charmant, weil die Komponisten die außergewöhnliche Klangfarbe des Instruments gereizt hat. Und wenn ich Arrangements von anderen Werken mache, beispielsweise von Violinkonzerten, versuche ich damit genau diesen Reiz hervorzulocken. Die meisten Konzertbesucher haben erfahrungsgemäß noch nie eine Mandoline live gehört. Das ist mein Privileg: Ich trete mit etwas Neuartigem, etwas Frischem im Konzertleben auf. Das macht die Mandoline für mich so besonders attraktiv und vergnüglich.

Ist sie attraktiver für Sie als die Gitarre?

 Da muss ich ja wohl mit einem klaren „Ja“ antworten (lacht). Aber sie teilen dasselbe Schicksal. Vor 100 Jahren hatte die klassische Gitarre keinerlei Bedeutung. Sie war eben „nur“ das Flamenco-Instrument in Spanien. Erst als Andrés Segovia sich entschied, Bach auf der Gitarre zu spielen, damit auch in der Carnegie Hall in New York aufzutreten und außerdem Kompositionsaufträge an die wichtigsten Komponisten seiner Generation wie de Falla, Villa Lobos oder Rodriguez zu geben, entstand eine Welle. Julian Bream und John Williams haben das dann fortgesetzt. Inzwischen hat jede Musikhochschule, die etwas auf sich hält, auch eine Gitarren-Fakultät. Eine Revolution dieser Art wächst jetzt mit der Mandoline. Junge Menschen beginnen, sie zu studieren. Ich hoffe, dass es in hundert Jahren viele Spieler und Hörer gibt, die auf ein reiches Angebot von Repertoire zurückgreifen können.

Sie bearbeiten gerne Violinkonzerte, weil schon die Saitenstimmung derer der Mandoline entspricht...

 Und ich wähle dabei bewusst zum Beispiel das a-Moll-Konzert von Vivaldi, gerade weil es jeder spielt, der drei Jahre Violinunterricht hat. Und ich setze demonstrativ auf die Vier Jahreszeiten, gerade weil sie so populär sind. Dann macht es nämlich besonders Spaß, diese Werke in neuem Licht zu präsentieren. San Marco in Venedig sieht man auch irgendwann zum ersten Mal in seinem Leben ... und dann bei den nächsten Malen nie wieder so überwältigend. Ein bisschen was von diesem maßlosen Erstaunen versuche ich, in die Musik zurückzubringen.

Die Mandoline ist ursprünglich eher für kleinere Räume an Höfen oder in Salons konzipiert worden. Wie stellen Sie sicher, nicht überhört zu werden, wenn Sie „unplugged“ spielen?

 Das ist in der Tat eine wichtige Frage. Die Mandoline stammt aus Italien und ist tatsächlich nur für eine Palastsalon-Größe ausgelegt gewesen. Das Gleiche gilt ja außerhalb von Italien für die Balalaika in Russland, die Bouzouki in Griechenland oder die Pipa in China. Aber die Herausforderung brachte auch Innovationen. Ich spiele ein modernes Instrument mit größerem Korpus, das extra für größere Räume gebaut wurde und daher lauter klingt und dessen Ton weiter trägt. In Verbindung mit einem Kammerorchester wie I Musici di Roma gibt es da keine Balance-Probleme.

Sie werden eine Rarität von Giovanni Paisiello spielen – ist das tatsächlich sein Originalwerk für Mandoline und Orchester aus Neapel?

 Tja, das ist in der Tat eine gute Frage. Wir spielen ja überwiegend venezianisches Repertoire – vor allem von Vivaldi natürlich. Wir wollen aber unbedingt zeigen, wie stark sich venezianische Musik von neapolitanischer unterscheidet. Wir reden heute gerne von italienischer Sprache und italienischen Restaurants – aber wenn man genau hinschaut, kann man Venedig und Neapel kulinarisch, kulturell und von der Mentalität nicht annähernd vergleichen. In der Barockzeit schon gar nicht. Ob das Werk wirklich von Paisiello stammt, ist nicht sicher. Man kann aber hören, dass es aus Neapel stammt.

Warum haben Sie sich gegen Italien und für Berlin als Lebensmittelpunkt entschieden?

 Als ich mich nach dem Studium in Jerusalem und in Italien umgesehen habe, wurde mir klar, dass Berlin ein besonders lebendig pulsierendes Zentrum für den künstlerischen und speziell musikalischen Austausch darstellt. Das ist vergleichbar mit der „Belle Epoque“ in Paris nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, wo sich Satie, Strawinsky, Debussy, Ravel und viele weitere gegenseitig inspirierten, in denselben Cafés trafen und austauschten. Bildende Kunst, Tanz, Theater erweiterten den Horizont zusätzlich – eine boomende Society der Künste. Später werden die Historiker ähnliches über die jetzige Gegenwart in Berlin sagen, da bin ich mir sicher. Es gibt hier viel kreative Freiheit. Und da möchte ich ein Teil davon sein. Interview: Christian Strehk

SHMF-Weihnachtskonzerte mit Avi Avital und I Musici di Roma am Mi., 2. Dezember (ACO Thormannhalle Rendsburg / Büdelsdorf) sowie am Do., 10. Dezember (Dom Lübeck), jew. 20 Uhr. Karten: 0431 / 237070. www.shmf.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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