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Brutalität und Poesie

Schauspielhaus Brutalität und Poesie

Im Studium gehörte Baal für Dariusch Yazdkhasti zu den Lieblingsstücken. Die ungeheure Sprachgewalt, die rohe Energie hatten es dem Regisseur angetan: „Das hat eine große Brutalität, aber auch eine große Poesie. Brechts Frühwerk ist eine Art Sturm und Drang der Moderne.“ Am Freitag hat seine Inszenierung am Schauspielhaus Kiel Premiere.

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Kunsthalle statt Branntweinschänke: Dariusch Yazdkhasti holt Baal ins Heute.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Ein randalierendes, wüstes Stück hat der 20-jährige Bertolt Brecht da 1918/19 vor dem Hintergrund von Kriegsende und Revolution geschrieben, über einen Mann, der Dichter und Mörder, Holzfäller, Frauenheld, Karussellbesitzer und Zuchthäusler ist – Leben im Exzess, immer auf der Suche nach Freiheit, nach dem Selbstsein. Marco Gebbert wird ihn in Kiel spielen. „In Baal sind ja sämtliche Künstler- und Macho-Klischees versammelt“, schmunzelt Yazdkhasti, „der ist halt typisch der Rockstar – was mich erstmal behindert hat.“

 Überhaupt fiel ihm der Zugriff diesmal nicht ganz leicht: „Wie kriegt man dieses fast monolithische Langgedicht zu fassen?“ Auch die Brecht-Erben, die akribisch die Werktreue hüten und jüngst Frank Castorfs Baal am Münchner Residenztheater von der Bühne verbannten, machten es nicht leichter. „Brecht war immer einer, der heutig schreiben wollte“, sagt Yazdkhasti, „dazu passt diese sklavische Texttreue eigentlich nicht.“

 Immerhin: Weil Brecht diesen „sichausleber und andreausleber“ (1938) bis 1954 immer wieder bearbeitete, gibt es einen „Text-Steinbruch“, aus dem Yazdkhasti und sein Team die zweite Fassung von 1919 ausgewählt und mit Bruchstücken aus der Bearbeitung 1925/26 erweitert haben. „Ich habe dann doch eine halbwegs stringente Geschichte entdeckt in den 24 Schlaglichtern auf dieses irrwitzige Leben“, sagt der Regisseur und beschreibt einen Bogen von der halbwegs gesicherten Existenz des Künstlers, die Baal mutwillig einreißt, bis zu Mord und Gefängnis. Erzählt über drei Frauen – die Verlegersgattin, Johanna, Sophie – die sich an ihm abarbeiten. „Brechts Poesie hat immer einen konkreten Kern.“

 Musik gibt es auch – glücklicherweise, so Dramaturgin Annika Hartmann, keine zu Brechts Bänkelgesängen notierte: „So kann man sich von dem typischen Ton entfernen“. Dariusch Yazdkhasti, der nach Liliom, Diebe und Sommernachtstraum erneut mit dem Musiker Wolfgang Siuda zusammenarbeitet, hat eher Bob Dylan als Weill oder Eisler im Ohr: „Ich mag karge Gitarren und Lieder, die Geschichten erzählen.“ Und dampfendes Zwanziger-Jahre-Ambiente hat er ohnehin nicht im Sinn: „Bloß keine Branntweinschänke! Im Milieu wird man sehr schnell viel kleiner als Brecht. Ich will das eher ins Heute drehen.“ So soll die Bühne (Simeon Meier) als eine Art Ausstellungsraum erscheinen, „clean und steril“, Rahmen für Brechts Kunstsprache. Und für Baal, das Urviech.

 „Der ist ja auch mehr ein urbaner Typ“, sagt Yazdkhasti, „zwar hat er dieses Idealbild der Natur – aber er ist doch niemand, der darin funktioniert.“ Mag er diesen Kerl? „Mir erscheint Baal manchmal wie ein früher Traum des jungen Brecht von seinem zukünftigen Werk“, sinniert er. „Das ist ein ungeheuer eitler, egomaner Typ – aber eben auch bestechend und charmant. Abscheulich und wahnsinnig faszinierend. Den Rest müssen Marco Gebbert und Brecht auf der Bühne ausmachen.“

 Premiere, Fr., 9. Oktober, 20 Uhr. Schauspielhaus Kiel. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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