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Aus dem Geist der Präsenz

Bachs Johannes-Passion in Kiel Aus dem Geist der Präsenz

Sie ist die kürzere der beiden vollständig erhaltenen Passionen Johann Sebastian Bachs, doch der musikalische Reichtum der Johannes-Passion BWV 245 ist mindestens ebenso groß wie der der längeren Matthäus-Passion.

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Foto: Versierter Umgang mit Bachs Johannes-Passion: St.-Nikolai-Chor Kiel.

Quelle: "Oliver Stenzel, ost"

Kiel. Einst an einem Karfreitag uraufgeführt, platzieren die Kantoren das zweistündige Werk heute gerne am Beginn der Karwoche. So hält es am Palmsonntag auch Kieles Kirchenmusikdirektor Volkmar Zehner, dem in der gut besuchten St.-Nikolai-Kirche eine Aufführung glückt, wie man sie sich homogener und facettenreicher zugleich nicht wünschen könnte.

 Schon die konzentrierten „Herr“-Rufe des Eingangschors ziehen den Hörer unmittelbar in den Bann der musikalischen Dramaturgie der Passion, die Zehner hier klug entfaltet. Obwohl spürbar einer historischen Aufführungspraxis verpflichtet, wählt der Dirigent für das Barockorchester L’Arco gelöste Tempi, führt Chor und Instrumente harmonisch zusammen und stimmt dabei die Potenziale beider Klangkörper sensibel aufeinander ab. Auf diese Weise ruht die gesamte Aufführung in sich und geht von einer interpretatorischen Hingabe aus, die dem Werkcharakter ideal entspricht. Ausgeglichen wechselt der KMD dabei von mächtigen Passagen mit entsprechenden Choreinsätzen zu den kammermusikalischer angelegten Momenten der Passion. Der St.-Nikolai-Chor zeigt sich bei alledem versiert, fasziniert mit anmutig und angenehm schlicht ausgesungenen Chorälen und findet auch im direkten Kontakt mit den Solisten stets die richtige sängerische Wellenlänge.

 Unter ihnen nimmt Mirko Ludwig während des Konzerts eine Sonderrolle ein, denn er hat nicht nur den Evangelistenpart, sondern auch die übrigen Tenor-Arien zu bewältigen. Dem Sänger gelingt die richtige Rollenbalance vor allem dadurch, dass er auch als Evangelist intensiv und affektreich agiert, wie es insbesondere in Originalklang-Kreisen heute üblich ist. Ludwig setzt seinen hellen und auch in den Koloraturen wendigen Tenor von Anfang an sehr aktiv ein, gestaltet die Rezitative intensiv aus und füllt auch die narrative Seite der Passion mit viel Spannung und Leben. Konstantin Heintel (Arien) und Henryk Böhm (Vox Christi) wahren da mehr Understatement – Heintel mit linear geführtem und sonor tönendem und Böhm mit zwar machtvollem, aber behutsam bebendem Bass. Und während Veronika Winter ihren Sopran in schöner und natürlicher Klarheit strahlen lässt, beeindruckt Klaudia Zeiners vielfarbig schillernder Alt durch seinen dichten Stimmkern.

 Durch sein vitales Dirigat verbindet Volkmar Zehner dabei nicht nur die fünf Solisten dialogisch miteinander, sondern präsentiert auch alle an der Aufführung beteiligten Kräfte in organischer Homogenität. So überzeugt seine Lesart der Passion sowohl durch ihre Substanz und ihr Gleichgewicht als auch und vor allem durch ihre hohe Kommunikativität. Der große Applaus nach einer durch und durch erfüllten Aufführung unterstreicht, dass sich die Bachsche Sicht auf das Passionsgeschehen aus der musikalischen Präsenz heraus neu und lebendig entfalten kann.

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