19 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Mit der Tiefe des Augenblicks

Bachs Matthäus-Passion in Neumünster Mit der Tiefe des Augenblicks

Wer kann die frohe Osterbotschaft schon spüren, wenn die Chöre in Johann Sebastian Bachs großer "Matthäus-Passion" den Chor "Barrabam" skandieren? Wie stark dieser musikalische Aufschrei durch Mark und Bein geht, führten der Bach- und Kinderchor am Karfreitag gemeinsam mit dem Concerto Lübeck unter der Leitung von Karsten Lüdtke in der bestens besuchten Vicelinkirche in Neumünster vor.

Neumünster. Im Fokus dieses Konzertes standen dabei deutlich Ausdruck und Textdeklamation. Zu Recht, denn im Vergleich zur "Johannes-Passio"n ist jenes Werk, mit welchem Felix Mendelssohn-Bartholdy 1829 den barocken Übervater aus der musikalischen Versenkung holte, die romantischere und dem emotionalen Geschehen mehr Raum zugestehende Passion. So wurde auch in dieser Aufführung, wie etwa im innig fließenden "O Mensch, bewein dein Sünde groß", der Fokus wunderbar auf die Exegese der Choräle gelegt, welche in Doppelfunktion das Geschehen vorantreiben und die Tiefe des Augenblicks erlebbar machen, darüber hinaus harmonisch farbigere Varianten zu ihren Pendants aus dem "Weihnachtsoratorium" sind.

 Lichtblicke stellten hier sowohl ein frei agierender Kinderchor als auch die solistischen Passagen dar: So wirkte dem karfreitäglichen Tiefpunkt die in hellem Gestus gehaltenen Bass-Arie "Mache Dich, mein Herze, rein" (Christian Palm) hoffnungsvoll kontrapunktisch entgegen. Im Chor indes mangelte es im ersten Teil vielleicht manchmal an Klangfarben-Kontur: Etwa im Sopran, der mit hellen Vokalen teils eine Schere zu den dunkelrot-samtig deklarierenden Männerstimmen aufspannte und intonatorisch mit den Holzbläsern in die Höhen zu driften schien.

 Dagegen erfuhr vor allem der zweite Teil, fein ausgedeutet vom Solistenquintett aus Nicole Ferrein (Sopran), Christine Wehler (Alt), Titus Witt (Christusworte) um einen hervorragend deklamatorisch agierenden Christian Palm und einen strahlkräftigen Wolfgang Klose (Tenor) eine gewaltige dramaturgische und dynamische Steigerung bis zum bitterschmerzlichen Choral "Wir setzen uns mit Tränen nieder". Ein weiteres Muss, dass Ostern werden kann: Das Läuten der Totenglocke, Stille und schließlich lang anhaltender und berechtigter Applaus.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Elisa Meyer-Bohe

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3