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Die Leichtlebige und der Dichter

Bärbel Reetz Die Leichtlebige und der Dichter

Der Freund Hermann Hesse nannte sie „ein wunderliches Paar“. Und das waren sie ja auch: Emmy im Kabarett – singend, tanzend, leichtlebig und meist auf Droge. Hugo, der ernsthafte Intellektuelle, der um die Anerkennung als Schriftsteller kämpfte und nicht mal Alkohol vertrug.

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Ihre Faszination für das exzentrische Paar Hugo Ball und Emmy Hennings hat Bärbel Reetz im Buch verarbeitet.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. . Sie, die Diseuse, Lyrikerin, Gelegenheitsprostituierte aus kleinsten Verhältnissen in Flensburg, er, der abgebrochene Student aus der elterlichen Lederhandlung in Pirmasens. „In der Münchner und Berliner Bohème waren sie alle schockiert, als diese beiden Ungleichen 1914 zusammen fanden“, sagt Bärbel Reetz. Und diese Paar- und Lebensgeschichten waren es auch, die die Autorin fasziniert haben: „Ihr Leben hatte ja etwas von einem Roman. Eigentlich weiß man gar nicht, was mehr Literatur ist – ihr Leben oder ihre Werke.“

 In ihrer Doppelbiografie Das Paradies war für uns (Insel Verlag) spürt die Autorin dem exzentrischen Paar und den zentralen Protagonisten des Dada nach. Vom Kabarett „Simplicissimus“ in München, wo Ball (damals an den Kammerspielen beschäftigt) Emmy zum ersten Mal auf der Bühne sah, bis zu seinem Tod 1941. Bärbel Reetz lässt Schriften, Briefe und Freunde sprechen. „Ja“, schmunzelt die langjährige Kielerin, die seit gut einem Jahrzehnt in Berlin lebt, bei der Buchvorstellung im Literaturhaus, in das auch viele alte Freunde gekommen sind. „Womöglich werdet ihr sagen: Das hast du uns doch alles schon mal erzählt…“ 2001 in der akribischen Biografie über die „Maskenspielerin“ Emmy Ball-Hennings. Manches vielleicht. Aber das Besondere an der Beziehung, die Intensität des Austauschs, die das Paar verband, dem hat Bärbel Reetz noch einiges hinzuzufügen. Zum Beispiel, dass die innere Nähe offenbar äußeren Abstand brauchte: „Es war immer schwierig. Einer konnte den anderen nicht so gut aushalten“, erzählt sie, „er war still, sie flippig. Also ist sie gereist, er zu Hause geblieben. Aber kaum waren sie getrennt, kam die Sehnsucht und sie begannen, sich Briefe zu schreiben.“

 Der erste Brief von Hugo Ball übrigens erreichte Emmy im Gefängnis, wo sie wegen Prostitution einsaß. In Zürich, wohin die beiden vor dem Weltkrieg geflohen waren und wo das neue Leben erstmal auf sich warten ließ. Stattdessen: Armut, Gelegenheitsauftritte, Drogen, Prostitution. Bis sie in der Schweizer Metropole am 5. Februar 1916 mit den Freunden von Tristan Tzara bis Richard Huelsenbeck das Cabaret Voltaire eröffneten. Ganz nach Balls Wunsch: „Ich will durch alle Möglichkeiten hindurch. Ich will mein eigenes Ensemble.“

 Bärbel Reetz, die das Material für die Dada-Feierlichkeiten in Zürich auch zu einem Zwei-Personen-Stück verdichtet hat, macht ein Paar lebendig und deckt das Widersprüchliche auf, das sich auch im literarischen Schaffen spiegelt. Etwa, wenn Ball auf der Bühne bizarre Lautgedichte intoniert und seiner Emmy gleichzeitig romantische Gedichte schreibt. Und wenn er nach einem halben Jahr verschwindet, sich erschöpft von einem Tag auf den anderen ins Tessin zurückzieht, dann erscheint er einem ganz ähnlich wie Emmy – sprunghaft und wandelbar.

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