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Kämpfen, balzen, raunzen

Balett Kämpfen, balzen, raunzen

In den besten Momenten fühlt man sich wie in House of the Flying Daggers oder einem anderen Martial Arts Movie. Dann fliegen die Männer in ausgreifenden Sprüngen über die Bühne oder stehen einander in einschlägigen Kampfposen gegenüber, die Beine locker im Reitersitz, die Arme wehrhaft gereckt.

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Yuka Higuchi, Meirambek Nazargozhayev und Momoko Tanaka.

Quelle: Theater Kiel

Kiel. Aber auch die ritualisierten Arm- und Handbewegungen in Orkan Danns Choreografie sind fernöstlich inspiriert und sichtlich von den Bewegungstechniken Tai Chi oder Qi Gong auf das Ballett übergegangen.

Ging Danns preisgekrönte Choreografie Renku (mit Yuka Oishi) für Neumeiers Hamburg Ballett 2012 auf eine japanische Gedichtform zurück, hat sich der Choreograf und Neumeier-Tänzer diesmal laut Programmheft von Korea inspirieren lassen. Das blaue Haus nennt er das Stück, mit dem das Kieler Ballett in der Salzhalle am Seefischmarkt den Tanzabend „Ballett extra“ eröffnet. Da treffen üppige, folkloristisch angehauchte Kostüme (Isabell Post) und asiatische Bewegungsrituale auf die sehr westliche Streichermusik und ein Klavierquartett des lettischen Gegenwartskomponisten Peteris Vasks. Eilige, rauhe Klanggebilde, denen die Tänzer bisweilen hinterher zu eilen scheinen. Man sieht Paare in strenger Zweisamkeit oder wie sie auseinandertreiben und Gruppen, deren Harmonie ein einzelner stört. Herausragend dabei: Julian Botnarenko und Shori Yamamoto. Und es hat schon seine Poesie, wie die Bewegung zwischen dynamischer Action und meditativer Ruhe flirrt. Das Ganze wirkt aber immer wieder auch hektisch und strukturlos, wenn Zweier- und Dreier-Formationen wie aus der Spur geratene Webschiffchen durchs Bild schießen.

Und trotzdem macht es Spaß, wie das Kieler Ballett hier einmal mehr seine Experimentierlust unter Beweis stellt. Die sieht in dem 50-minütigen Stück von Vivienne Hötgers auf der bis auf ein langgezogenes Sofa und zwei Sessel leeren Bühne ganz anders aus. On Spec (Unter Verdacht) erzählt von Begegnungen und Trennungen, Liebe und Liebeskummer, von Einsam- und Gemeinsamkeit. Zwei Männer streiten und versöhnen sich. Auf dem Sofa entspinnt sich zwischen zwei Manga-Mädchen (Yuka Higuchi, Momoko Tanaka) ein Sandkasten-Krieg – und dann im Verein mit Meirambek Nazargozhayev ein doppelbödiges Spiel zwischen Macht, Unterwerfung und Stiller Post.

Lauter Selbstdarsteller sind hier unterwegs, Paradiesvögel allesamt – und es macht Laune, ihnen zuzusehen. Wenn Didar Sarsembayev sich als komisches Schauspieltalent entpuppt und dabei alle Künstlichkeit fahren lässt. Wenn Sabina Faskhi die Diva gibt und Alexey Irmatov den Akrobaten und leicht unterbelichteten Latin Lover. So wird gebalzt und geraunzt, geliebt und verlassen, gescannt und verworfen. Vivienne Hötgers, am Kieler Schauspiel für die Choreografie der Rocky Horror Show verantwortlich, spielt zu Musik von Chor bis elektronisch treibend mit Show-Elementen und Comedy, lässt die Tänzer aber auch mal sehr ausgesucht auf der Spitze balancieren. Frisch, unmittelbar und dynamisch ist das, manchmal auch so melancholisch wie die zwischengestreuten Zitate von Haruki Murakami. Fast wie im richtigen Leben.

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