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Der Teufel in Schweinegestalt

Mussorgskis letzte Oper Der Teufel in Schweinegestalt

„Zwei Riesengewichte wie „Boris“ und „Chowanschtschina“ können einen erdrücken,“ teilte Modest Mussorgski einem Freund mit, als er die Arbeit an der auf einer Erzählung von Nikolai Gogol basierenden Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ begann.

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Barrie Kosky inszeniert Mussorgskis letzte Oper.

Quelle: hfr

Berlin. Er hatte nach einer einfachen Geschichte gesucht, in der sich eine bis ins Groteske gesteigerte Komik mit Volksaberglauben, buntem Jahrmarktstreiben und derben Späßen mischt, und machte sich trotz starker Kritik von Seiten seiner Kollegen, dem „Mächtigen Häuflein“, an die Arbeit. Aber schon in frühen Jahren war er ein manisch-depressiver Alkoholiker; die Komposition geriet immer wieder ins Stocken, und als er 42-jährig starb, hinterließ er diese seine letzte Oper als Torso, wie manch andere Werke auch.

Volkstümliches Leben in der Ukraine

Barrie Kosky, der Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, hat sich unter den verschiedenen, von späteren Komponisten vollendeten Fassungen für die 1932 von Pawel Lamm und Wissarion Schebalin verfasste entschieden. Sie ist so nah wie möglich an den Intentionen des Komponisten dran, da der kraftvolle Zugriff und die grobe, ungehobelte Kompositionsweise mit all ihren Ecken und Kanten erhalten geblieben sind. Am eindrucksvollsten wird das bei der als Alptraum des unglücklich verliebten Grizko eingeschobenen „Nacht auf dem kahlen Berge“, deren elementare Urgewalt Angst und Schrecken einjagen kann. Besonders dann, wenn dieser Furcht einflößende Nachtmahr, dieser teuflische Hexensabbat in so phantastisch-grotesker Form auf die Bühne gebracht wird wie hier. Die Bühnenbildnerin Katrin Lea Tag – sie ist auch für die Kostüme zuständig – präsentiert die temporeiche Handlung in einem zeitlos minimalistischen Raum, verzichtet also ganz auf irgendwelche Requisiten und Bilder, die ukrainischen Flair suggerieren könnten. Das eine oder andere Kostüm allerdings verrät dann doch, dass es sich hier um volkstümliches Leben in der Ukraine des vorletzten Jahrhunderts handelt.

Der Teufel in vielen Gestalten

Kosky scheint großen Spaß daran gehabt zu haben, die in dieser Oper so ausgedehnten Sauforgien, dieses Karussell der Besoffenheit in aller Ausführlichkeit und mit viel wohlwollendem Verständnis für die Charaktere auf die Bühne zu bringen. Dass er dabei manchmal ins Klamottige abrutscht, sei ihm verziehen. Aber das Herumalbern und Bespritzen mit Schlagsahne oder das Wecken des schnarchenden Ehemannes mit gleich mehreren Eiern, die auf seinem Kopf zerschlagen werden – das überschreitet, zumal bei Wiederholungen, die Grenzen zum billigen Gag. Phantastisch aber ist es, wie Kosky den Aberglauben der Dorfbewohner in Form von Schweineköpfen bebildert. Die Leute glauben nämlich, dass ein Teufel des Nachts in Schweinegestalt erscheint, um nach seinem roten Kittel zu suchen, vor allem aber, um die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Und so zeigt sich der Teufel nicht nur auf hohen Stelzen mit Schweinekopf, sondern auch in vielfacher Gestalt bei einer satanischen Fressorgie. Das ist saftiges, pralles, herrliches Theater!

Jens Larsen spielt den gehörnten Ehemann Tscherewik in köstlicher Überzeichnung als ewig betrunkenen, aber gutmütigen Bauern. Tom Erik Lie ist ihm ein treuer Saufkumpan – den beiden schwankenden und fluchenden Männern bei ihren Alkohol-Exzessen zuzuschauen, ist ein kapitales Vergnügen. Tschereviks Ehefrau Chiwrja ist über diese Suffköppe so erbost, dass sie nichts unversucht lässt, um sich ihnen gegenüber durchzusetzen. Agnes Zwierko lässt keinen Zweifel daran, wer die Hosen anhat. Für die Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse hat sie sich ausgerechnet den schlappschwänzigen Popensohn Afanassi auserkoren, den Ivan Turšić in seiner gezierten Betulichkeit wundervoll karikiert. Mirka Wagner ist eine hinreißende Parasja, die dem von Alexander Lewis vorzüglich gesungenen Bauernburschen in Liebe zugetan ist. Dem Zigeuner verleiht Hans Gröning einen zwielichtigen Charakter. Im Mittelpunkt aber steht das Volk, und das wird von den Chorsolisten und dem Kinderchor der Komischen Oper Berlin in gewohnt brillanter Weise und höchst lebendig dargestellt.

Weitere Termine

Henrik Nánási führt das bestens aufgelegte Orchester durch diese in vielen Farben schillernde Partitur. Er bedient die Komik in ihr, setzt immer wieder spektakuläre Akzente, und in der „Nacht auf dem kahlen Berge“ peitscht er die Gruseleffekte bis zum Limit hoch. Dies ist seine letzte Neuproduktion als GMD der Komischen Oper Berlin. Begeisterter Applaus für alle, vereinzelte Buhs für Kosky.

  www.komische-oper-berlin.de Weitere Aufführungen: 9. / 14. / 22. April; 13. Mai; 10. Juni; 16. Juli 2017

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