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Bas Böttcher Zurück zum Rhythmus, zum Klang

Seine Texte zählen zu den Klassikern der Bühnenlyrik, finden sich in wichtigen deutschen Gedichtsammlungen, auch in Schulbüchern. Der mehrfach preisgekrönte Bas Böttcher (41), geboren in Bremen und in Berlin lebend, ist einer der Mitbegründer der deutschen Spoken-Word-Szene.

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Bas Böttcher ist einer der Mitbegründer der deutschen Spoken-Word-Szene. Seine Lyrik findet sich in wichtigen Gedichtsammlungen und in Schulbüchern.

Quelle: Marina Petrova

Kiel. Da ist die Teilnahme an der Premiere des Festivals Spokenwords.sh natürlich Pflicht.

Du trittst beim Spokenwords-Festival gleich dreimal auf: beim offiziellen Auftakt morgen in Neumünster, tags darauf bei der Gala in Lübeck, Sonnabend bei der Kieler Gala. Liest Du überall dasselbe?

Bas Böttcher: Wir SpokenWord-Poeten performen ja frei wie Schauspieler. Und man kann die Auftritte ja immer an den Rahmen anpassen, kann immer aus dem vollen Repertoire schöpfen. In meinem Fall: zwei Stunden Text.

Du hast also einen Textpool, aus dem Du Dich bedienst?

Genau. Man kann dann manchmal ganz spontan Bezug nehmen auf Stücke, die die Kollegen vorher gemacht haben, sodass dann fast eine Art Austausch entsteht.

Spontaneität ist also wichtig.

Die Mischung aus Plan und Spontaneität. Wir sind ja keine Freestyle-Dichter, die improvisieren.

Musst Du hin und wieder auch auf Zwischenrufe aus dem Publikum reagieren?

Das ist so ein Mythos beim Poetry-Slam, dass dazwischengerufen werden muss, das wird überschätzt. Zum Glück ist da grundsätzlich Respekt für die Poeten.

Was ist denn von diesem alten Charakter noch übrig? Ich erinnere mich an ruppige Slams in den 90ern, da sind Leute – die teils allerdings auch auf absolutem Amateurniveau agierten – mit miesesten Bewertungen von der Bühne geschickt und sogar ausgebuht worden.

Es kommt immer drauf an, an welchem Spielort man zum Poetry-Slam geht. Diese anfängliche Rauheit ist auch der Charme der ersten Jahre gewesen. Die beruhte aber da schon auf einem Missverständnis. Denn als Poetry-Slam in Deutschland neu war, war das in den USA ja schon sehr verbreitet, und da gab es tatsächlich eine Shut-up-Rule: Die ersten 30 Sekunden hält das Publikum den Mund, danach kann es seinem Unmut Luft machen.

Und dafür gibt es heute keinen Grund mehr...

Die Poeten haben sich professionalisiert, die Stilvielfalt ist größer. Der ganz anarchische Geist, als die Rückseiten von Chipstüten vorgelesen wurden, ist Geschichte.

Das Ganze ist ja immer noch ein Wettbewerb. Oder ist der einem professionellen Miteinander gewichen?

Slam-Poeten sehen den Wettbewerb eher augenzwinkernd. Er wird ja teils auch ab absurdum geführt, etwa bei diesen Slams lebende gegen tote Dichter, wo wir uns anmaßen, gegen Koryphäen der Dichtung anzutreten.

Wie sieht es mit der Verderblichkeit von Texten aus?

Schöne Frage. Ein Kollege klagt darüber, dass er ein Stück über Computerkultur geschrieben hat und dieses alle drei Jahre updaten muss, weil diese Begriffe sich ständig erneuern.

Will nicht insgeheim jeder Spoken-Word-Künstler ein Literat sein?

Bestimmt nicht. Deswegen ist es ja auch so toll, dass dieses Spokenwords-Festival diesen Begriff Slam nicht mehr benutzt, sondern konsequent die literarischen Poeten und Bühnendichter eingeladen hat.

Wie erklärt sich die wachsende Popularität von Spoken Word?

Gute Frage. Ich glaube, hier findet eine ganz logische Wiederentdeckung statt: dass der Lyrik die Stimme zurückgegeben wurde. Weg vom stummen, gedruckten Buch, hin zum Klang, zum Rhythmus, zum Gemeinschaftsstiftenden der gesprochenen Sprache.

Welche drei Ratschläge würdest Du einem angehenden Spoken-Word-Künstler geben?

Nicht faul sein, sondern auch die kleinste Lesung nutzen, um sich eine Rückmeldung vom Publikum zu holen. Nicht zu perfektionistisch sein, auch schon mal mit unfertigen Sachen rausgehen. Und schauen, was es noch nicht gegeben hat.

Interview: Thomas Bunjes

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