21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Hirn, Herz und Seele im Einklang

Bass-Arie Hirn, Herz und Seele im Einklang

„Stell dir beim Singen ruhig ganz unterschiedliche Aspekte für die Passagen mit identischem Text vor. Stell dir Aspekte wie Dummheit oder Intoleranz vor“, rät Olaf Bär dem jungen Interpreten der Bass-Arie aus Händels Messias.

Voriger Artikel
Alter Wein in neuen Flaschen
Nächster Artikel
Kreatives Jonglieren mit Text und Ton

Feilen an der Atemtechnik: Sängerstar Olaf Bär und Studentin Danielle Salomon.

Quelle: Axel Nickolaus

Lübeck. „Ob das dann tatsächlich genau so beim Publikum ankommt, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass jeder Abschnitt durch die Kraft deiner Vorstellung eine jeweils andere Farbe bekommt.“

 Der 58-jährige Dresdner Bariton unterrichtet im Kammermusiksaal der Lübecker Musikhochschule junge Sänger, die es zur aktiven Teilnahme bei den SHMF-Meisterkursen geschafft haben. Olaf Bär schöpft dabei aus den Erfahrungen einer geradezu sagenhaften Karriere: Schon als Knabe glänzte er als Solist im Dresdner Kreuzchor, gewann nach dem Studium nicht nur einen internationalen Lied-Wettbewerb in London, sondern dabei auch die künstlerische Partnerschaft eines Jury-Mitglieds, der Klavierlied-Legende Geoffrey Parsons. Erstaunlich früh ließ die DDR ihren heimatverbundenen, aber eher christlich als sozialistisch gepolten Star reisen. Im Ensemble der Dresdner Semperoper schrieb Olaf Bär Musikgeschichte, als er 1985 bei der weltweit beachteten Eröffnung des wiederaufgebauten Hauses als Kilian in Webers Freischütz tatsächlich die allerersten Töne sang. Und längst ist er weltweit geschätzter Kammersänger und Hochschulprofessor in Elbflorenz.

 Hier hat er in Lukas Anton einen prachtvoll sonoren Bass vor sich, der beim geschmeidigen Gleiten durch Händels raffinierte Halbtonskalen allenfalls noch Details verbessern kann. „Orientiere Dich bei der Atemeinteilung ruhig auch an der notierten Phrasierung im Orchester. Ob das dann dem Dirigenten passt oder nicht, ist egal. Erstmal was anbieten ist die Devise, denn meist haben die ohnehin keine eigene Idee“, lacht Bär. „Auch kann man gerne mal eine lange Note kürzen, wenn das besser funktioniert – die wenigsten Hörer sitzen mit der Partitur im Konzert und beschweren sich dann.“ Zur Vorsicht mahnt er bei zu raschen Tempi. Die Musik verliere beim Umschlagen der Koloraturen ins rein „Sportliche“ an Sinn und Sinnlichkeit.

 Bei der deutsch-amerikanischen Sopranistin Danielle Salomon liegen die Hürden noch im technischen Bereich. Bär sucht händeringend in der Körperhaltung und der inkonstanten Atemsäule der Sängerin mit US-amerikanischem Bachelor-Abschluss nach Gründen für Vokalverfärbungen, Registerbrüche und Intonationsdellen. Wie ein Mühlrad rudert er dynamisch mit ausgestreckter Hand um Kopf und Rumpf, während sie singt – ausgerechnet besonders anspruchsvolles Lied-Repertoire von Hugo Wolf.

 Der Erfolg einer Mobilisierung des Atemstroms ist unüberhörbar. Doch noch blockiert der Kontrollwahn ihres Hirns alle lockere Natürlichkeit. „Sänger sollen doch nicht denken ...“, zitiert Bär lachend das Klischee. „Andere Musiker haben ein Instrument, das Klavier, die Flöte, die Geige zur Verfügung. Wir haben nur uns selbst, unseren Körper. Das ist das Tolle, weil dieses Instrument ja auch Herz und Seele hat – leider ist genau das aber auch das Schwere daran.“

 So viel ist klar: Die Meisterkurse bleiben die kleine pädagogische Perle im SHMF-Angebot. Auch als Gasthörer kommt man hier den Geheimrezepten für gelungene Musikinterpretationen so nah wie selten.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3