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Begegnung mit Bruce Springsteen am Rande der Buchmesse

Autobiografie vorgestellt Begegnung mit Bruce Springsteen am Rande der Buchmesse

Als alles längst vorbei ist, als die Stimme von Bruce Springsteen nur noch nachhallt, ist es auf einmal fast wie in Nick Hornbys Roman High Fidelity. Er steht plötzlich neben mir, an der Bar – graues Sakko, Boots und Blue Jeans – bestellt höflich ein Bier, wir stoßen an und reden.

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KN-Redakteur traf die Rocklegende Bruce Springsteen.

Quelle: Tamo Schwarz

Frankfurt/Main. Ein „Once in a lifetime“-Moment, zwei, vielleicht drei Minuten Unendlichkeit am Ende einer streng geheim gehaltenen Lesung in einem Fünf-Sterne-Hotel am Rande der Frankfurter Buchmesse. Dort stellte der 67-Jährige am Donnerstag seine Autobiografie Born To Run vor.

 Born to run. Zu oft rannte er, den viele seit Jahrzehnten ehrfürchtig den Boss nennen, davon. Vor seiner Angst, vor Depressionen, rannte auf die großen Stadionbühnen, wo seine nicht selten vierstündigen Shows als Messen zelebriert wurden, Springsteen nicht aufhören konnte, zu spielen. Sieben Jahre lang schrieb er nun an den in der deutschen Fassung vorliegenden fast 700 Seiten, die sich nicht anders lesen als eine seiner furiosen, atemlosen Rockshows. Der Duktus ähnelt dem seiner epischen Werke wie Land of Hope and Dreams, die aus Verzweiflung Hoffnung werden lassen und Tausenden Fans offenbar Halt geben. Eine Ehre, aber keine Bürde sei das, so Springsteen am Donnerstag vor knapp 100 geladenen Journalisten aus ganz Europa.

 Hölzern, holprig moderiert WDR-Journalist Thomas Steinberg das Gespräch, in dem wir erfahren, dass der Weltstar, Grammy- und Oscargewinner als junger Mann ein passabler Surfer an der Küste New Jerseys war und Pete Townshend (The Who) ihn vor dem deutschen Publikum („Das schlechteste“) Anfang der Achtziger gewarnt habe. Wirkmächtig, nachhallend wird es immer dann, wenn Springsteen liest. Da ist diese eine anrührende Passage in Born To Run, in der der dreifache Vater beschreibt, wie ihn wiederum sein Vater, der an einer bipolaren Störung litt, am Vorabend der Geburt seines ersten Kindes besuchte und eingestand, nicht gut zu seinem Sohn gewesen zu sein. Ergreifend, wenn Springsteen heute sagt: „Das war alles, was ich immer wollte. Damit hat er die Wahrheit anerkannt.“

 Bis über alle Maßen selbstreflexiv, entblößend führt Springsteen in drei großen Akten durch sein Leben, entzaubert humorvoll, selbstironisch seinen Legendenstatus. Am Donnerstag an diesem „geheimen Ort“ sitzt einer, der sich heute „nach 30 Jahren Psychotherapie, meinen ersten Therapeuten habe ich schon überlebt“ öffnen kann. „Meine Depressionen habe ich in meinem irischen Blut väterlicherseits weitergegeben bekommen.“ Er spricht über seine Mutter Adele, die immer wollte, dass ihr Bruce Autor wird. Heute ist er es, doch die Mutter leidet an Alzheimer.

 Heyne-Verlagschef Ulrich Genzler lässt keinen Zweifel: „Springsteens Autobiografie ist in diesem Jahr unser wichtigstes Buch.“ Weil es so ehrlich ist wie das, was Springsteen Nacht für Nacht in dreieinhalb Stunden auf der Bühne abliefert, das Versprechen des Rock’n’Roll immer wieder einlöst, Herzen trifft. Weil er herleitet, wie aus dem katholischen Schüler aus einer irisch-italienischen Familie in New Jersey einer der prägendsten Songwriter überhaupt wurde. Weil er eindrucksvoll beschreibt, wie er sich verlor und den USA später nach den Anschlägen vom 11. September mit seinem bedeutendsten Werk aus der zweiten Hälfte seines 43-jährigen Schaffens, The Rising, eine Stimme gab.

 Springsteens Seele hat Risse, er weinte „kalte, schwarze Tränen“, heißt es an einer Stelle. Doch anders als sein Vater lernte er, darüber zu sprechen. – Da stehen wir nun an der Bar und reden. Eine Ewigkeit. Springsteen ist nahbar, hört zu, erzählt. Darüber, dass Born To Run vielleicht die schönste Geschichte ist, die er je in einen Song verpackte. Dass die prachtvolle Corvette auf dem Cover seines Buches noch immer sein Lieblingsauto sei. Und ein bisschen über das Vatersein. Zum Abschied in Frankfurt sagt er: „Pass auf Dich auf ... und auf Deine Familie!“

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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