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Die Schiller-Opern im Mittelpunkt

Verdi-Festival Parma Die Schiller-Opern im Mittelpunkt

Anna Maria Meo heißt die neue Generaldirektorin des Teatro Regio in Parma. Sie ist zwar erst seit Februar 2015 im Amt, aber hat jetzt bereits kleine Wunder vollbracht. Das Verdi-Festival ist sängerisch im Aufwind.

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Vier Kontinente bilden einen Klang

Die Verdi-Rarität "Giovanna d'Arco" in spektakulärer Kulisse.

Quelle: Roberto Ricci

Parma. Jetzt endlich hat Meo genügend Geldmittel zur Verfügung, um planen zu können, denn wenn ein Festival wirklich einen internationalen Zuschnitt bekommen soll, müssen mindestens ein Jahr im voraus Programm und Besetzung feststehen. Vor ihrer Zeit war das nicht gegeben, da musste man halt die Künstler engagieren, die gerade zur Verfügung standen, und das waren nicht immer die besten.

   Die neue Führungsspitze lässt auch einen frischen Wind wehen durch die Nutzung der zur Verfügung stehenden Spielorte und die Programmgestaltung. So bezieht sie das in vielerlei Hinsicht einmalige Teatro Farnese  mit ein, auch zu gewagten experimentellen Zwecken nach dem Verdi-Festival. Nonos „Prometeo“ will sie dort beispielsweise aufführen und erklärt das so: „Mit dieser Musik wird der Raum provoziert, und es entsteht hoffentlich eine Dialektik zwischen den beiden.“ Für das diesjährige Verdi-Festival hat Anna Maria Meo ein phantastisches Programm erstellt, das Verdis Begeisterung für die Dramen von Friedrich Schiller in den Mittelpunkt stellt. So werden nicht nur drei seiner vier Schiller-Opern („Luisa Miller“ fehlt leider) aufgeführt, sondern auch – im Rahmen einer „Schiller-Gala“ – Vertonungen von Gedichten von Schumann, Schubert, Liszt und anderen.

   Im Zentrum des Interesses steht der 1867 in Paris uraufgeführte und mehrmals umgearbeitete „Don Carlo“, der wegen seiner Anlehnung an die „Grand Opéra“ à la Meyerbeer eine große Bühne braucht und deswegen im Teatro Regio gespielt wird. Der Regisseur Cesare Lievi hat die Bühne optimal genutzt, um die beklemmende Atmosphäre am spanischen Hof zu vergegenwärtigen. Der Bühnenbildner Maurizio Balò, der auch für die Kostüme zuständig ist, hat nur schwarz und weiß und allerlei Grautöne zugelassen – da wirkt das bunte Tuch der Eboli bei ihrem Schleierlied wie eine Provokation. Beim Nahen des Königs wird es dann auch schnell versteckt. Das Kloster San Yuste, die Gärten der Königin, der große Platz vor der Kirche, das Kabinett des Königs, das Gefängnis – alle Schauplätze spielen in Räumen mit kalten Marmorwänden, die sich beliebig verschieben lassen und immer wieder das Ausspionieren der Menschen durch Geheimtüren und vergitterte Fenster ermöglichen. Eine Grauen erregende Atmosphäre, die während der gesamten dreieinhalbstündigen Oper durchgehalten wird! In Parma wird die 4-aktige Version in italienischer Sprache – in etwa die Mailänder Fassung von 1884 – gespielt, natürlich ohne das auch in anderen Produktionen meist ausgelassene Ballett „La Peregrina“. Das Autodafé, also die öffentliche Hinrichtung der Ketzer im Namen der Kirche, wird hier sehr plastisch und in aller Grausamkeit gezeigt. Verdis (und Schillers!) Verurteilung des intoleranten Katholizismus könnte kaum eindrucksvoller dargestellt werden.

   Hervorragende Sänger verleihen der Produktion Glanz und Faszination. An erster Stelle muss Michele Pertusi genannt werden, der als König Philipp stets durchblicken lässt, wie schwer es ihm fällt seine menschlichen Gefühle der Staatsraison unterzuordnen. Sein „Ella giammai m'amò“ (Sie hat mich nie geliebt) ist von erschütternder Eindringlichkeit. Serena Farnocchia ist eine liebenswerte Königin Elisabetta, die ihrem Schmerz über ihr Schicksal in ihrer großen Arie im letzten Akt auf bewegende Weise Ausdruck verleiht. José Bros kann in der Titelrolle mit einem wundervoll fokussierten, leicht metallisch klingenden Tenor punkten, und Vladimir Stoyanov ist ein Posa von ausgesprochen edler, hochherziger Art. Herrlich, wie er seinen Bariton in der Sterbeszene in innigem Belcanto zum Leuchten bringt, ohne larmoyant zu wirken. Von Personenführung aber ist leider oft nur wenig zu spüren, und das gilt beileibe nicht nur für Posa. Marianne Cornetti als Eboli ist ein Vulkan an großen Gefühlen und überzeugt besonders in ihrer Arie „O don fatale“. Daniel Oren animiert die Filarmonica Arturo Toscanini zu kraftvollem, passioniertem Spiel. Jubelnder Applaus für alle!

   Die Vorstellungen von Verdis früher, 1845 uraufgeführter Oper „Giovanna d'Arco“ finden in einem ganz außergewöhnlichen, ja einmaligen Theater statt, dem 1617/18 in nur einem Jahr gebauten Teatro Farnese, das der Herzog Ranuccio Farnese errichten ließ, um Cosimo II. de Medici standesgemäß empfangen zu können. Das in Ausmaß und Pracht sensationelle, ganz aus Holz gebaute Theater wurde bis 1732 nur neun Mal genutzt, zu opulenten Feierlichkeiten der Farnese. Danach nie wieder, aus Kostengründen. Jetzt aber ist dieser einmalige Raum mit neuem Leben erfüllt worden, mit einer spektakulären Inszenierung der auf Schillers „Jungfrau von Orléans“ basierenden Verdi-Oper, für die der Filmregisseur Peter Greenaway verantwortlich zeichnet. Was das Publikum jetzt aber zu sehen bekommt, stellt die 2011 begonnenen Versuche das Theater wiederzubeleben, in den Schatten. Es ist dem Regisseur gelungen, den gigantischen Raum mit 3D-Projektionen äußerst lebendig zu gestalten, in schnellem, manchmal kaum wahrnehmbarem Wechsel die passenden Bilder zur Musik zu finden. Grandios das Schlachtengetümmel und das Flammenmeer, hinreißend poetisch der Schluss, wenn sich der sterbenden Giovanna der Himmel öffnet! Die feinfühlige Choreografie der Lara Guidetti sorgt für zusätzliche Veranschaulichung der psychischen Befindlichkeiten der Protagonisten in den Arien durch zwei Tänzerinnen.

   Der spanische Dirigent Ramon Tebar hat das richtige Händchen für den frühen Verdi. Mit Lust auf musikalische Abenteuer führt er das bestens aufgelegtes Orchester I Virtuosi Italiani durch die an schroffen Rhythmen und lyrischen Schönheiten reiche Partitur und schlägt selbst aus dem simplen Hm-ta-ta Funken stürmischer Leidenschaft. Allerdings hat er auch drei Sänger zur Verfügung, die  das Verdi'sche Idiom gleichsam im Blut haben und regelrechte Wunder an ausdrucksvollem Gesang und Italianità vollbringen. Das gilt für die Sopranistin Vittoria Yeo (Giovanna) ebenso wie für den Tenor Luciano Ganci (Carlo VII.) und den Bariton Vittorio Vitelli (Giacomo).

   Der Besuch des Verdi-Festivals wäre unvollständig, wenn man nicht einen Abstecher zum nahe gelegenen Busseto machen würde. In dem Städtchen, das den jungen Verdi so sehr geprägt hat, eine seiner frühen Opern zu sehen, ist ein ganz besonderes Erlebnis. Das auf Schillers „Räuber“ zurückgehende Melodramma tragico „I masnadieri“ ist für das kleine, nur 300 Plätze umfassende Teatro Verdi besonders gut geeignet, zumal dann, wenn ein Leo Muscato Regie führt und junge Sänger des „Concorso internazionale voci verdiani“ miteinander wetteifern.

Das Festival endet am 30. Oktober. www.teatroregioparma.it   Karten: +39-0521-203999

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