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Lesung in der Traum GmbH: Enthemmung und Beschleunigung

Benjamin von Stuckrad-Barre Lesung in der Traum GmbH: Enthemmung und Beschleunigung

Ein vollbesetzter Saal und ein gut gelauntes Publikum – eigentlich hatte Benjamin von Stuckrad-Barre gewonnen, noch bevor er die Bühne betrat. Das Publikum feierte ihn am Wochenende in der Traum Gmbh Kiel.

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Outet sich in seiner Autobiografie als „totaler Suchtmensch“: Bei seiner Lesung in Hamburg durfte Benjamin von Stuckrad-Barre offenbar ungeniert rauchen.

Quelle: Daniel Reinhardt/dpa (Archivbild)

Kiel. Das war auch seine eigene Einschätzung, da er in Kiel bislang „nur tolle Lesungen“ gehabt hatte. Die aus Panikherz, seiner autobiografischen Lebensbeschreibung, machte da keine Ausnahme. Tatsächlich, so erzählte der Autor, hatte bereits der Taxifahrer am Bahnhof die Sache auf den Punkt gebracht: Auf die Zielangabe „Traum GmbH“ hatte dieser mit „Alles klar. Einmal Trauma“ geantwortet und damit Stuckrad-Barres Leben „in zwei Sätzen“ zusammengefasst.

Tatsächlich handelt Panikherz fast durchgehend von „Euphorie, Enthemmung und Beschleunigung“, aber eben auch von dem genauen Gegenteil, nämlich vom Drogenentzug und dem Versuch des Autors, hinterher wieder auf die Beine zu kommen.

Perfekte Lindenberg-Einflüsse

Udo Lindenberg kommt hierbei zweifelsohne eine Schlüsselrolle zu – zumal Stuckrad-Barre über die Fähigkeit verfügt, dessen improvisierten „Laber-Jazz auf Autopilot“ auch stimmlich perfekt zu imitieren.

Gleich die erste Episode von Panikherz erzählt, wie beide in Los Angeles ankommen und am Einreiseschalter penibel unter die Lupe genommen werden. Lindenberg ist auf neongrünen Socken unterwegs und hat sich die unvermeidliche Zigarre angesteckt, was „im rauchparanoiden Amerika“ keine gute Idee ist. Doch der Musiker – „oh excuse me, yeahyeahyeah“ – hält die Zigarre als „Kompromissangebot“ auf Hüfthöhe und bringt den Beamten mit Udo-Charme (und seinem „szenisch vorgetanzten“ Wikipedia-Eintrag) schließlich so zum Lachen, dass er einreisen kann – und Stuckrad-Barre gleich mit ihm.

Meisterhafter Ebenentanz

Es geht in dem Stil weiter: Stuckrad-Barre berichtet in seinem nach eigener Einschätzung „meisterhaft mit Zeitebenen“ arbeitenden Buch von Phasen als Stoffwechselautomat und Kokainparanoiker („Ich bin ein totaler Suchtmensch“) und schildert in „einer heiteren Szene“, wie ihn James Franco in das Erklimmen einer haushohen Reklametafel einweist. Und mit Lindenbergs Kinderchor ergibt sich ein „ADHS-Wettbewerb“, den der Autor natürlich locker gewinnt. Das Publikum freute es. Und Stuckrad-Barre? Der meinte, er wäre früher in Kiel „in einem Saal mit einer riesigen Disco-Kugel“ aufgetreten; aber vielleicht würde er sich täuschen: „Damals war ich ja noch ganz klein.“ Die Zeiten dürften in der Tat vorbei sein.

Von Kai-U. Jürgens

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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Literatur
Christian Ulmen las aus"Panikherz" und hatte Spaß.

"Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre ist auf dem besten Wege, ein Bestseller zu werden. In Hamburg las der Popliterat zum ersten Mal aus seinem autobiografischen Buch, gemeinsam mit Schauspieler Christian Ulmen und Autor Sven Regener. Tosender Applaus für das Trio und ein Ständchen von Panikrocker Udo Lindenberg.

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