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Kippmomente des Glücks

Konzert in der Schaubude Kippmomente des Glücks

Der Start gestaltet sich schon mal angemessen chaotisch. Es ist so wie du sagst soll wohl der erste Song des Abends sein, das ist nicht jedem in der Band klar, die einen spielen was anderes, doch man einigt sich schnell.

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Bernd Begemann (links) begleitet nicht selten sein Gitarrenspiel mit entsprechendem Mienenspiel und seine Combo (weiter von links) Achim Erz, Ben Shadow und Kai Dorenkamp wiederum hellwach und wendig ihren Bandleader.

Kiel. Und als Bernd Begemann & Die Befreiung nach einem hauchzart melodiösen Ausstieg brachial ins zweite Stück, das ruppige Bist Du dabei?, ausbrechen, fällt Drummer Achim Erz eines der Becken auf die Pfoten. Doch der wirbelt einfach so lange weiter auf der Snare herum, bis das Becken zu Boden rutscht und die Hände wieder frei sind. In der Folge bereiten der unvergleichliche Hamburger Singer/Songwriter und seine Band dem Publikum in der gut besuchten Schaubude einen fast dreistündigen, denkwürdigen Abend, der glücklich machte.

 Schon nach dem zweiten Song entledigt sich der stets auf Stil bedachte Begemann schwitzend seines Jacketts und verliert wieder mal die Wette mit dem Drummer, wer dies zuerst tut. Später fragt er seinen vollbärtigen, langhaarigen Bassisten Ben Shadow, warum der eigentlich nicht schwitze. „Fell“, antwortet dieser, darauf Begemann: „Dann müsstest du doch eigentlich hecheln.“

 Ein ums andere Mal flicht der begnadete Entertainer in seine Songs kleine schauspielerische Intermezzi ein. In dem herrlich ironischen Zweimal zweite Wahl mimt er einen Typen, der mackerhaft seine Freundin begöschert („Wenn ich sage, dass du mir völlig egal bist, heißt das ja nur, dass du mich nicht nervst.“). Höhepunkt ist kurz vor Schluss eine spontane Einlage, die den Publikumswunsch Fernsehen mit deiner Schwester auf rund 15 Minuten streckt und in dessen Verlauf Begemann mimt, wie ihn eine Fernsehshow von Helene Fischer, in der diese auf einem Drahtseil balancierend singt, dazu anstachelt, kopfüber an dem 2,80 Meter hohen Wohnzimmerregal hängend freihändig den Chanson Oh, mein Papa zu grölen. Die Band spielt die ganze Zeit ungerührt weiter.

 Diese Unberechenbarkeit, dieses Volten-schlagen-wie-aus-dem-Nichts ist ein wesentliches Element, das Begemanns Konzerte so außergewöhnlich, so faszinierend, so ungemein unterhaltsam macht. Gilt auch für die musikalische Komponente. Das tendenziell brasil-jazz-poppige Ich identifiziere mich nicht mit der Firmenphilosophie erinnert ihn an das Thema von Herr Rossi sucht das Glück, im Original Viva La Felicità von Franco Godi, das gleich mal angestimmt wird. Cool aus dem Hut gezogen auch der zünftige Rockabilly-Klassiker The Train Kept A-Rollin’ des Johnny Burnette Trios. Das geht nur mit drei extrem wendigen, hellwachen Musikern, zu denen auch noch Keyboarder Kai Dorenkamp zählt.

 Die Band reist mit wehenden Fahnen durch Begemanns umfangreiches Œuvre, nimmt etwa vom aktuellen Album Eine kurze Liste mit Forderungen das sinister-komische Nazi Tattoo Papa mit, vom Album Endlich (2003) das typisch doppelbödige Bis du den richtigen triffst – nimm mich und kurz darauf auch noch Ich kann dich nicht kriegen, Katrin, einen der schönsten Tränenzieher aus Begemanns Feder, der einen Kloß in den Hals zaubert, so nachfühlbar transportiert der Sänger den resignativen Liebeskummer.

 Das Publikum schwankt zwischen Ergriffenheit und verlegenem Gekicher. Und vielleicht ist es genau diese ungriffige Ambivalenz, sind es genau diese brillanten Kippmomente, die Begemanns so schmerzlich überfälligen, angemessen großen Erfolg verhindern. Aber: Würde das hier auch auf einer riesigen Bühne funktionieren?

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