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Ein Haus von Künstlern für Künstler

Bloomsbury Group Ein Haus von Künstlern für Künstler

Die A 27 bei Lewes in East Sussex ist eine der belebtesten Landstraßen im Süden Englands, besonders dann, wenn das nahe gelegene Glyndebourne Festival Besucher aus aller Welt anlockt. Da muss man genau wissen, wo man abbiegen muss, um nach Charleston in ein Künstlerparadies zu gelangen.

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Duncan Grant's Studio

Quelle: Tony Tree

Charleston. Wenn man dieses äußerlich unscheinbare Farmhaus aus dem 17. Jahrhundert erst einmal erreicht hat, wird man reichlich belohnt, denn dies war das Refugium der Bloomsbury Group während des Ersten Weltkrieges. Die nur wenige Meilen entfernt wohnende Schriftstellerin Virginia Woolf hatte das Bauernhaus für ihre Schwester, die Malerin Vanessa Bell und deren Söhne Julian und Quentin ausgesucht. Der Maler Duncan Grant und dessen Lover, der Romancier David Garnett zogen 1916 mit ein in dieses eigentlich nicht sonderlich attraktive Haus, wo man ohne Heizung und fließend Wasser auskommen musste. Vanessas Mann, der einflussreiche Kunstkritiker Clive Bell, war häufiger Gast, auch später. Die Männer waren Kriegsdienstverweigerer und wollten so weit wie möglich von den furchtbaren Geschehnissen des Krieges entfernt leben. Die Künstler begannen sofort mit der Neugestaltung des gesamten Hauses und machten aus Charleston im laufe der Zeit so etwas wie ein Gesamtkunstwerk, das auch den Blumengarten und den Teich am Eingang mit einschloss. Ein in der Tat idealer Rückzugsort war entstanden.

   Ein solch freies, künstlerisches Haus zog natürlich Gleichgesinnte an, denn hier konnte man vollkommen offen über Religion, Kunst und Sex sprechen, im damaligen England eine höchst ungewöhnliche Angelegenheit. Und so kamen sie, die Intellektuellen, die Künstler, die Dichter und Philosophen in dieses abseits gelegene Farmhaus zum Diskutieren, Feiern und vieles mehr. Der bedeutende Ökonom und Politiker John Maynard Keynes kam sogar so häufig, dass für ihn, der einst eine intime Beziehung zu Duncan Grant hatte, ein eigenes Zimmer eingerichtet wurde. Die meisten Gäste und Freunde, die sich in Charleston außerordentlich wohl fühlten und deswegen immer wieder kamen, hatten sich in Cambridge kennen gelernt und gehörten, manchmal nur ganz locker, zu der nach einem Londoner Stadtteil benannten Bloomsbury Group. Der Dichter T. S. Eliot, der Romanschriftsteller E. M. Forster, der geistreiche Biograph Lytton Strachey („Eminent Victorians“) gingen hier ein und aus, und natürlich waren auch Benjamin Britten und sein Lebensgefährte Peter Pears gern gesehene Gäste. Für Vanessa Bells hochbegabte Söhne war diese Atmosphäre der geistigen Freiheit und Toleranz ein fruchtbarer Nährboden: Julian wurde Dichter und verlor im Spanischen Bürgerkrieg als fanatischer Kämpfer für Freiheit und Demokratie sein Leben; sein jüngerer Bruder Quentin war Professor, Maler, Töpfer und Biograph. Besonders seine einfühlsame Lebensbeschreibung seiner Tante Virginia Woolf hat ihn berühmt gemacht. Diese lebte ja nur wenige Kilometer entfernt in dem kleinen Dörfchen Rodmell und besuchte ihre Schwester Vanessa sehr oft.

   Selbstverständlich war man sexuellen Dingen gegenüber sehr offen und tolerant. So erfuhr Angelica Bell erst mit 19 Jahren, dass nicht Clive Bell ihr Vater war, sondern Duncan Grant, von dem sie ja wusste, dass er nicht nur mit ihrem Onkel Adrian sondern auch mit Maynard Keynes, Lytton Strachey und David Garnett ein homosexuelles Verhältnis hatte. Als sie dann aber letzteren heiratete, obwohl er 26 Jahre älter war und als schwul galt, hatte man arge Bedenken, die sich dann doch schnell in Luft auslösten. Dies war jedoch nicht die einzige „ménage à trois“ (oder quatre, cinq?) in Charleston. Der von Duncan Grant begehrte Lytton Strachey hatte ein heterosexuelles Verhältnis mit Dora Carrington, die mit Ralph Partridge verheiratet war. Das wiederum hinderte Strachey nicht daran, auch mit diesem eine intime Beziehung zu beginnen. Wenn man bedenkt, dass die Verurteilung von Oscar Wilde nur wenige Jahre zuvor die Welt schockiert hatte und dass der prüde Viktorianismus noch allgemein in den Köpfen vorherrschte, kann man den außerordentlichen Mut, ja Kühnheit dieser Menschen erst richtig einschätzen.

   Es versteht sich von selbst, dass sich ein solcher Lebensstil im Hause widerspiegelt, in jedem Zimmer, jedem Möbelstück, jeder Tapete, jeder Tasse. Der Besucher ist überwältigt von der künstlerischen Atmosphäre, der Harmonie der Farben und Gegenstände, die zwar bei genauerem Hinsehen aus vielen verschiedenen Stilen und Ländern zusammengekauft sind, aber durch den Kunstsinn und die Kreativität der Maler ein begeisterndes Großes Ganzes bilden. Am schönsten kann der Besucher das in dem geräumigen, lichtdurchfluteten Studio erleben. Hier ist alles noch so wie es einst war, und man kann sich Vanessa Bell und Duncan Grant sehr gut bei der Arbeit vorstellen, die „zwei sturen Tieren gleich Seite an Seite nebeneinander stehen. Sie arbeiten intensiv und konzentriert, brauchen nicht miteinander zu sprechen und sind glücklich, weil der andere da ist.“ So  beschreibt sie Quentin Bell, Vanessas Sohn. Duncan hat den Kamin mit zwei leicht bekleideten Jünglingen geschmückt, und auf der Staffel steht das fertige Gemälde von einem nackten, wohlproportionierten Mann – aus seinen sexuellen Präferenzen hat er wahrlich keinen Hehl gemacht. Vanessa hat den Grammophon-Apparat auf allen Seiten bemalt, die androgyne Nymphe mit der Lyra fällt besonders ins Auge. Ihr künstlerisches Genie ist erst vor kurzem in einer ihr gewidmeten Ausstellung in der Londoner Dulwich Picture Gallery gewürdigt worden.

   Um der stets wachsenden Besucherschar Herr zu werden, hat man vor einem Jahr anlässlich der Einhundertjahrfeier 2016 große Pläne geschmiedet. Den Getreidespeicher und die alten Scheunen, die vor einigen Jahren abgerissen wurden, werden wieder aufgebaut, eine neue Galerie wird die vielen Bilder und Artefakten (etwa 8000!) zeigen, die Duncan Grants Tochter Angelica dem Charleston Trust geschenkt hat, und vieles mehr. Um dieses Juwel englischer Kunst nachfolgenden Generationen zu erhalten, will man sogar einen Zaun errichten, der wild gewordene Kühe aufhalten kann. Man darf gespannt sein, wie man Charleston der Öffentlichkeit in Zukunft präsentieren wird.

  www.charleston.org.uk / Charleston, Firle, Lewes, East Sussex, BN8 6LL

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