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Das Schweigen überwinden

Bettina Tietjen im Kieler Kulturforum Das Schweigen überwinden

„Ist ja doll, dass es hier so voll ist“, sagt Bettina Tietjen angesichts des rappelvollen Kulturforums. Wirklich erstaunlich ist dieser Publikumsandrang bei ihr eigentlich nicht.

 

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Im besten Sinne herzerfrischend: Bettina Tietjen erzählte im Kieler Kulturforum über die letzten Jahre mit ihrem Vater.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Die NDR-Moderatorin ist in Kiel bestens bekannt und aufgrund ihrer aufgeräumten Zugewandtheit sehr beliebt. Überdies geht das Thema ihres seit Wochen auf den Bestsellerlisten geführten Buches Unter Tränen gelacht viele an.

Im Dezember 2013 starb ihr Vater in einem Pflegeheim in Hamburg. Die Tochter hatte ihn zwei Jahre und sieben Monate zuvor aufgrund einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung aus seinem Reihenhaus in Wuppertal in ihre Nähe geholt – auch um ihre Schwester zu entlasten, die sich bis dahin um den über 80-jährigen Witwer gekümmert hatte. Dass sie ein Buch über seine letzten Jahre im Heim schreiben würde, sei nicht ihr Plan gewesen, sagt Bettina Tietjen. Schließlich ist so eine Geschichte sehr privat und Privates gehört nicht in die Öffentlichkeit.

 Nach einer Talkshow bei Markus Lanz, in der sie von der Krankheit des Vaters berichtet hatte, die trotz allem viele schöne gemeinsame Momente zulasse, sei sie auf ein mögliches Buchprojekt angesprochen worden. „Damals lehnte ich ab. Mein Vater lebte noch und ich wollte die wenige Zeit, die ich mit ihm hatte, nicht für ein Buch opfern.“ Nach seinem Tod war das anders. „Ich habe viel von ihm erzählt, auch um alles zu verarbeiten. Dabei habe ich festgestellt, dass viele Menschen Erlebnisse mit Demenz haben. Doch die meisten schweigen darüber.“

 Mit ihrem Buch, das sie auf Einladung von Andrea Jung im Rahmen der Reihe „Literatur pur“ vorstellte, will sie das Schweigen überwinden und Gespräche anstoßen. Und sie will eine Lanze für das Pflegepersonal brechen, das den Angehörigen in einer emotional aufreibenden Zeit Entlastung bietet. „Die Pfleger haben mir die Augen darüber geöffnet, dass man auch positiv an diese Krankheit herangehen und viel entdecken kann, wenn man die Betreuung an die Profis abgibt. Ich habe während dieser Jahre viel über Demenz gelernt und ich finde, man sollte sich rechtzeitig mit dem Thema auseinandersetzen, denn vielleicht trifft uns das alle irgendwann.“

 Die Art, wie die gelernte Journalistin über ihre letzten Jahre mit dem Vater berichtet, ist im besten Sinne herzerfrischend. Neben dem Erschrecken und der Trauer über seinen zunehmenden geistigen Verfall vergisst sie nicht, die positiven gemeinsamen Momente zu erwähnen, von denen einige durchaus ihre komischen Seiten haben. „Wir müssen uns auf die Kranken einstellen und dürfen nicht erwarten, dass sie dieselben sind, die sie einmal waren“, sagt sie und liest eine Episode, in der ihr nahezu verstummter Vater sich plötzlich in bestem Englisch artikuliert. Und so wird viel gelacht bei der mehrfach durch Zwischenapplaus unterbrochenen Lesung, in der Bettina Tietjen mit ihren einfühlsamen, nicht rührseligen Schilderungen den Nerv der Zuhörer trifft. Ja, nicht wenige von ihnen geben sich durch häufiges Kopfnicken als „Eingeweihte“ zu erkennen.

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