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Viel Unklarheit und ein Elefant

Bilderbuch Viel Unklarheit und ein Elefant

Die Illustratorin Shyan Siow hat sich für ihr neues Projekt von der Landschaft des Nordens inspirieren zu lassen. Aber: „Etwas hat gefehlt.“ Also packte sie einen Elefanten in ihre Bilder. Daraus entstanden ist in Zusammenarbeit mit Clemens Böckmann das Bilderbuch "Wahrscheinlich war es anders" .

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Shyan Siow präsentiert ihre Originalillustrationen zu „Wahrscheinlich war es anders“ im Literaturhaus Kiel.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Steilküsten, Strände, Windräder und vor allem der Wind, wie er Wolken und Bäume in Bewegung hält, dynamischer als andernorts. Deswegen mag Shyan Siow Norddeutschland. Seit neun Jahren lebt sie in Kiel, macht dieses Jahr ihren Masterabschluss an der Muthesius-Kunsthochschule.

Die Geschichte in „Wahrscheinlich war es anders“, geschrieben von Böckmann, ist schwer zu fassen, denn der Name ist Programm. Das fängt beim Erzähler an: Es gibt mehrere. Sie sprechen durcheinander, fallen sich ins Wort, widersprechen sich. Dabei erzählen sie, die unterschiedlichen Stimmen einer nicht näher bekannten norddeutschen Dorfgemeinschaft, die – vermeintlich – gleiche Geschichte: Die von dem Elefanten, der eines Tages in ihr Dorf kam. Wie er kam, warum er kam, woher er kam? Sieht jeder anders. Und keiner war dabei. An einer Stelle im Buch heißt es: „Nur die Schweine könnten sagen, wie’s gewesen ist. Aber von denen leben wohl nicht mehr so viele.“ Böckmann gibt seinen Lesern bis zur letzten Seite kein Gefühl der Sicherheit, stattdessen entstehen mit jeder Zeile neue Fragezeichen. Statt nach Logik scheint die Geschichte nach Widersprüchlichkeit zu streben. Auf nahezu jeder Seite findet sich ein Oxymoron („Das Vieh war so groß, dass alle es übersehen haben“). Nichts ist Fakt, alles ist Behauptung. Im Grunde ist die Geschichte eine Nicht-Geschichte, denn sie negiert sich ständig selbst.

Nun könnte man auf die Idee kommen, dass die faszinierend detailreichen Illustrationen Siows dem Leser ein wenig Orientierung geben. Verbildlichen, was Sprache nicht auszudrücken vermag. Dem ist nicht so. Wenn es heißt „Er blieb bei den Kühen stehen und schaute sie an. Und sie schauten zurück.“, folgt eine Zeichnung, in der der Elefant den Kühen den Rücken zugedreht hat und sie keines Blickes würdigt.

Und warum das Ganze? Weil Wahrscheinlich war es anders nicht eine Geschichte, sondern das Erzählen erzählt. Subjektive Wahrnehmungen und Erinnerungen verändern jede Geschichte – nur dass dieser manipulative Vorgang hier eben offengelegt, ja geradezu gefeiert wird.

Ebenso wie der Text dem Leser, lassen Siows feine Illustrationen dem Betrachter genug Raum, seine Vorstellungskraft zu entfalten. Und vor allem hauchen sie dem Elefanten Leben ein. Denn während das Dorf den Weg des Elefanten nachzeichnet, ist der auf seiner ganz eigenen Spurensuche. Und wie alle Geschichten, beruht auch diese auf einer wahren Begebenheit. Nämlich der Geschichte eines Dorfes, dessen Bewohner während des Zweiten Weltkriegs einen von seinem Besitzer verlassenen Zirkuselefanten fütterten und erzogen. Und der literarische Enkel dieses Elefanten ist nun auf der Suche nach seinen Wurzeln. Aber wahrscheinlich war auch das ganz anders.

Die Illustrationen des Buches (Edition Büchergilde, 40 Seiten, 18 Euro) sind bis Donnerstag, 15. Dezember, im Literaturhaus SH im Kieler Schwanenweg 13 zu sehen.

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