18 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Bizarre Szenerien in gediegenem Realismus

Ausstellung Diether Kressel in Cismar Bizarre Szenerien in gediegenem Realismus

Ein roher Fisch liegt in der Schublade einer Holzkommode, eine Fliege sitzt gefangen unter einer Käseglocke neben einem Käselaib, ein Paar abgewetzter Schuhe steht als schwere Kost auf einem Essteller: Die Bilder von Diether Kressel sind gespickt mit Witz und Hintersinn.

Voriger Artikel
Hamburgs Ohnsorg-Theater lädt in die "Soul Kitchen"
Nächster Artikel
Rock-Herz, was willst du mehr?

Beliebtes Motiv von Diether Kressel, hier „Selbst im Stein-Glashaus“ von 1996.

Quelle: x

Cismar. Der Titel der Gedächtnisausstellung, die das Landesmuseum dem 2015 verstorbenen Künstler im Kloster Cismar eingerichtet hat, hätte ihm sicher gefallen: „Bin im Garten“ heißt die Schau, ursprünglich gedacht als Geschenk zu Kressels 90. Geburtstag.

 Konzipiert als Kooperationsprojekt mit der Landesgartenschau, die Ende April im nahegelegenen Eutin eröffnet wird, hoffen Direktorin Kirsten Baumann und ihr Team den dort erwarteten Besucherstrom durch Kombi-Tickets in die charmante Dependance nach Cismar zu locken, die mit durchschnittlich 6000 Besuchern im Jahr bedauerlich schlecht frequentiert wird. Der Weg lohnt sich allemal, denn Kressels Bildwelt ist so vielschichtig und pointiert, dass man selbst nach längerem Betrachten Neues entdecken kann. Wer Gartenbilder erwartet, wird sich zunächst die Augen reiben, finden sich im ersten Ausstellungsgeschoss doch nahezu ausschließlich Gemälde, die Alltagsdinge thematisieren – auf Kressels Art.

 Er war ein Meister des Trompe-l’oeil, der illusionistischen Täuschung. Da ist die uralte Schreibmaschine mit einem angefangenen Brief, der nie zu Ende geschrieben werden wird – die metallischen Typen sind völlig ineinander verkeilt. Woanders liegt ein Puppenkopf in einer Kristallschale, ein museumsreifer Bürostuhl ächzt unter einem zerfledderten Leitz-Ordner, der in Sütterlin beschriftet ist. Auffallend ist der gediegene Realismus, mit dem der Künstler seine bizarren Szenerien auf die Leinwand bannt. „Kressel war ein akkurater Handwerker und verschmitzter Motivfinder“, so Kurator Thomas Gädeke. Für Letzteres habe er viel Zeit und Mühe verwendet, denn was er malte, war quasi real – eigenhändig arrangiert vor seiner Staffelei. So ließ er etwa 1993 für sein Gemälde Das Gespräch Gipsabgüsse von seinen Beinen machen, die, entspannt gekreuzt mit gemusterten Socken und zweifarbigen Schuhen an den Füßen, neben einem schwarzen Telefon auf einem Tisch ruhen. Die nötige Muße für derart akribische Vorbereitungen verschaffte dem gebürtige Rheinländer seine Frau, die als Ärztin zeitweise die Familie ernährte. „Er hat stringent seinen eigenen Surrealismus entwickelt und zum Erfolg geführt“, so Gädeke, der Kressel auf Gottorf zuletzt 2013 begrüßen konnte, wo er als „Baumkünstler“ geehrt wurde.

 Denn mit der Natur hatte Diether Kressel schließlich auch allerhand am Hut – zu sehen im Obergeschoss, wo er sich als brillanter Zeichner von Blumenbildern und -stillleben zu erkennen gibt. Die meisten dieser zarten Grafiken, darunter einige Farbradierungen, entstanden in Schleswig-Holstein, wo der Wahl-Hamburger in seinem Haus nahe Friedrichstadt seine Sommer verbrachte. Auffallend ist hier das wiederkehrende Motiv des Vergänglichen, Verwelkten, eine Lust am Morbiden, die man dem sonst so schelmischen Künstler kaum zutraut. Doch auch hier wagt sich der Schalk aus der Deckung in einem Gemälde, das ihn umgeben von wucherndem Grün in seinem Gewächshaus zeigt – gefesselt wie Laokoon mit einem roten Gartenschlauch, der sich wie eine Schlange um seinen Leib windet.

  Kloster Cismar. 22. März bis 30. Oktober. Bis 28. April (Eröffnung der Landes Gartenschau) Di-So 11-18, danach täglich 11-18 Uhr. Katalog 10 Euro

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3