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Ohne Rauch geht’s auch

"Carmen"-Premiere Ohne Rauch geht’s auch

Matthias von Stegmann vermeidet bei der Inszenierung von Georges Bizets Oper "Carmen" folkloristische Klischees, setzt auf ein cleanes Bühnenbild und reduziert die Rollen auf das Wesentliche. Großen Applaus gab es bei der Premiere am Kieler Opernhaus trotzdem.

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Matthias von Stegmanns Inszenierung von Bizets „Carmen“ hatte am Kieler Opernhaus Premiere.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. „Sehet, wie Raucheswolken ziehn /in die Lüfte kräuselnd dahin /und verbreiten holde Düfte.“ Wer will, kann im Chor der Zigarettenarbeiterinnen die Essenz von Georges Bizets Oper Carmen erkennen: Der wahre Reiz der Liebe liegt in ihrer Flüchtigkeit. In seiner Inszenierung des Publikumslieblings lässt Matthias von Stegmann die von Lam Tran Dinh akkurat präparierten Chöre des Kieler Theaters in sorgsam stilisierten Posen singen. Die Herren blicken verzückt den Damen hinterher und diese ebenso verzückt dem Rauch ihrer Zigaretten.

Genauer gesagt blicken sie ins Leere. Denn da ihre Stäbchen nicht wirklich brennen, ziehen im Opernhaus auch keine Wolken in die Lüfte. Ohne Rauch geht’s auch. So könnte die Kernaussage dieser Inszenierung lauten, die sich im Bestreben um die Vermeidung folkloristischer Klischees so aufgeräumt gibt, dass auf der Bühne die Leere dominiert. Alles scheint hier allgemein gehalten. Walter Schütze strukturiert den Raum durch sechs frei schwebende Ellipsen, die auf der einen Seite wie steinerne Reliefs wirken und auf der anderen eine Freifläche für Martin Witzels Licht- und Farbmeditationen bieten. Diese symbolisieren Tag und Nacht, drinnen und draußen, stehen mal im farbpsychologischen Zusammenhang mit dem Geschehen und scheinen dann wieder relativ zufällig zu verlaufen. Unverbindlich sind auch die Kostüme gehalten. Die Inszenierung schafft so primär Platz.

Da auch die Personenregie auf Understatement setzt, ist es zunächst einmal die Musik, die ihn einnimmt. Sie ist hier in einer Plastizität präsent, wie man sie sonst eher in konzertanten Aufführungen erlebt. Rani Calderon präsentiert gemeinsam mit den beweglich agierenden Kieler Philharmonikern eine beeindruckend spannungsreiche Carmen mit Sinn für die großen Bögen und kleinen Details. Sein Talent, Panoramabild und Feinzeichnung zugleich zu präsentieren sorgt auch dafür, dass hier sämtliche Hits vom Torerolied bis zur Habanera erfreulich unverbraucht wirken. Ein Glücksfall, dass dies auch für ihre Interpreten gilt: Da ist zunächst einmal Cristina Melis, deren vielschichtiger, kehliger und auf sinnliche Weise gezügelt wirkender Mezzosopran der Carmen die Aura des Geheimnisvollen lässt, die bei einer leidenschaftlicheren Lesart der Partie rasch verloren geht. Auch Yoonki Baek entwickelt seinen Don José mit Bedacht, setzt technisch wie interpretatorisch auf eine kontinuierliche Steigerung und hat seinen lyrisch strahlenden Tenor im III. Akt schließlich ganz befreit. Matthias von Stegmanns Plan, die Figur der Carmen mit Melancholie und die ihrer Gegenspielerin Micaëla mit Selbstbewusstsein anzureichern, geht nicht zuletzt deshalb so gut auf, weil Lori Guilbeaus kraftvoll und üppig leuchtender Sopran dem Bauernmädchen eine natürliche Frauenpower verleiht, die auf und vor der Bühne beeindruckt.

Im Gegensatz zu diesen von der Regie leicht modifizierten Rollen darf Tomohiro Takada als Escamillo bei von Stegmann ganz den virilen Stierkämpfer heraus- und seinen Bariton dabei markant und glanzvoll zum Einsatz kommen lassen. Gleiches gilt für Leutnant Zuniga, den Timo Riihonen trotz aller zur Schau gestellten Bärigkeit sängerisch sensibel und charaktervoll tönen lässt. Stimmig überdreht zeigen sich am Rande des Geschehens Stella Morina als Frasquita und Tatia Jibladze als Mercédès. Ebenso demonstrieren Michael Müller als Dancaïro und Fred Hoffmann als Remendado überzeugend kriminelle Energie, Andreas Winther einen aufrechten Moralès und Arne Prill als Lillas Pastia einen standesgemäßen Schankwart.

Gerade diesen Randfiguren der Oper erlaubt Matthias von Stegmann eine darstellerische Lebhaftigkeit, die den Protagonisten oft versagt bleibt. So kann man mitunter den Eindruck gewinnen, dass ein Teil des Bühnenpersonals seine Rollen verkörpert, während ein anderer eher von ihnen erzählt. Gerade in der Schlussszene kann einem diese bis auf die Knochen reduzierte Carmen dabei reichlich clean vorkommen. Im großen Applaus, in den sich auch einige Buhs für das Regieteam mischen, lässt sich allerdings auch viel Zustimmung für die saubere Sache ausmachen.

Nächste Vorstellungen am 20. Dezember sowie am 6., 12. und 17. Januar

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