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Glücksfall im Grafik-Schrank

Ausstellung im Ostholstein-Museum Glücksfall im Grafik-Schrank

Sie passieren immer wieder, diese Entdeckungen, die für Kunsthistoriker so etwas wie das Salz in der Suppe sind. Diese Geschichte spielt im Eutiner Ostholstein-Museums, wo Ulrich Schulte-Wülwer im Oktober 2014 für seine Forschungen nach Material im Magazin suchte, aber in eigener Sache nicht fündig wurde. Ein Fund, der sich als Glücksfall für das Museum erwies. 

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Eines der schönsten Overbeck-Blätter: „Der Hauptmann Cornelius und der Engel“, 1808.

Quelle: Foto: OH Museum

Eutin. Der „Beifang“, der dem Kunsthistoriker und ehemaligen Direktor des Flensburger Museumsbergs da ins Netz ging, mag ihn wohl entschädigt haben, erwies er sich doch für die Eutiner Museumskollegin Julia Hümme als Glücksfall.

 Die braun marmorierte Mappe, die in den Tiefen eines Sammlungsschranks schlummerte, hatte Schulte-Wülwers Neugier geweckt. Sie trägt ein orangefarbenes Etikett mit Sütterlin-Aufschrift: „Overbeck, Zeichnungen aus dessen Jugendjahren, Schrank I mittleres Fach“. Zutage kamen 15 druckgrafische Blätter nach Zeichnungen Overbecks, eine kleinere Mappe mit Kopien religiöser Allegorien nach seinem Entwurf und – weitaus aufregender – 19 Handzeichnungen, die sich als frühe Originale des 1789 in Lübeck geborenen Künstlers entpuppten.

 Jetzt, knapp zwei Jahre später, sei der Fund kunsthistorisch erschlossen, freut sich Julia Hümme, die gestern Abend unter dem Titel Friedrich Overbeck in Wien den Fund in einer Ausstellung im Dachgeschoss des Museums eröffnete. Den wohl wichtigsten Anteil der kunsthistorischen Aufarbeitung leistete der Göttinger Kunsthistoriker und Overbeck-Kenner Prof. Michael Thimann, der die Herkunft der Blätter klären konnte und sie zeitlich und thematisch einordnete – ausführlich dokumentiert im reich bebilderten Katalog aus dem Kieler Ludwig Verlag.

 Aber nicht nur für Kunsthistoriker sei die kleine, aber feine Schau spannend, meint Julia Hümme. Mache sie doch nachvollziehbar, wie schnell sich der junge Overbeck in seinen frühen Jahren an der Wiener Akademie von den akademischen Fingerübungen frei gemacht habe und welche Früchte die gemeinsame Studienarbeit mit seinen beiden Kollegen und späteren Lukasbrüdern Franz Pforr und Ludwig Vogel trug. Später besser bekannt als Nazarener, hatten sie sich nicht weniger als die Erneuerung der Kunst verbunden durch gemeinsame religiöse Überzeugung zum Ziel gesetzt.

 Einige der Eutiner Blätter belegen, dass diese Erneuerung im romantischen Geist mit ihrer Hinwendung zu biblischen Themen mit diesseitigen Widrigkeiten zu kämpfen hatte. Akademische Zucht atmen da frühe Studien; ungelenke, steife Personenführung zeichnen andere Blätter zur Apostelgeschichte aus. Raffael ist weit, sehr weit. Aber da steht der kaum 19-Jährige noch am Anfang, wird sich aber schon wenig später vor allem mit seinem Studienfreund Pforr verbotenerweise selbstbewusst auf eigene Pfade jenseits des Kopierens alter Meister begeben.

 Übrigens ist auch geklärt, dass die Mappe aus Lübecker Familienbesitz stammt. Ein Stiefsohn von Overbecks Schwester Elisabeth hatte sie in der Vorratskammer entdeckt. Wie sie später nach Eutin kam, bleibt allerdings ihr Geheimnis.

www.oh-museum.de

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