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Kieler Ballett: Aus Nacht und Traum

Blame it on the Moondog Kieler Ballett: Aus Nacht und Traum

Mit Darrel Toulons „Blame it on the Moondog“ ist das Kieler Ballett im Partyrausch: Es verbreitet Westside-Story-Feeling, in der die Tänzer herumwimmeln, einander locken und taxieren. Dafür gab es vom Publikum einen rauschenden Applaus.

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Blame it on the Moondog feierte in Kiel Premiere.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Türsteher, Mafiosi oder Matador der eigenen Träume: Der Mann (Edward James Gottschall) oben auf der Brücke kann alles sein, wie er da breitbeinig steht, den Blick ins Publikum oder auch in weite Fernen gerichtet, derweil am Boden ein Knäuel bunter Gestalten auf die Bühne quillt. Unterweltwesen, getrieben und gezogen von pumpenden Beats.

 Und schon geht es los, mitten hinein in Darrel Toulons Episoden aus Nacht und Traum, die der Choreograf in Blame it on the Moondog ausbreitet. Ein rasantes schwüles Tanzstück, mit dem sich der gebürtige Dominicaner vor einem Jahr als langjähriger Ballettchef von seinem Publikum in Graz verabschiedete. Zu den druckvollen, zwischen Tom Waits und Americana-Wehmut flirrenden Songs der Grazer Indie-Band The Base und der nachtdunkel raunenden Stimme von deren Sänger und Texter Norbert Wally.

 Jetzt hat Toulon das Stück mit dem Kieler Ballett einstudiert, Hauptteil des Abends, zu dem Yaroslav Ivanenko erstmal den schwebenden Prolog liefert. Kiels Ballettchef zeigt seine Compagnie in der halbstündigen Choreografie When She Went Away puristisch konzentriert und filigran, zettelt ein assoziatives Spiel an mit dem Ungewissen. Auch eine Nachtfantasie, bloß anders.

 Die lebt von abstrakter Bewegung und dem Raumgefühl, mit dem Ivanenko zur wabernden Musik von Max Richter und des finnischen Akkordeonisten Kimmo Pohjonen Gruppen und Figuren erfindet, baut und platziert. Da gibt es spektakulär hohe Beine, luftige Arme und verwinkelte Hebefiguren. Und die Tänzer verschmelzen zu Clustern und rätselhaft amorphen Wesen, fließen zurück in akkurate Reihen und driften in alle Winde wieder auseinander.

 Dazwischen ist die fantastisch biegsame Marina Kadyrkulova eine Art Alice im Wunderland, mal in einem konzentrierten Akt auf Händen getragen, mal eingesponnen in die Bewegung der anderen. Ein feines Vexierspiel, auf dessen Kehrseite sich nach der Pause Toulons Moondog-Spektakel entfalten kann.

 Das verbreitet Westside-Story-Feeling, mit den bunten Klamotten und der Vorstadt-Ortlosigkeit (Ausstattung: Jürgen Kirner), in der die Tänzer herumwimmeln, einander locken und taxieren. Aus dem Nachtleben zoomt der Gastchoreograf einzelne Szenen heran: Die Jungs in aggressiven Streetfight-Posen. Den einen (Meirambek Nazagohayev), der Ballett und Breakdance so schlüssig geschmeidig vereint. Jungen und Mädchen, die sich in lasziver Windung verschlingen, auf Neon-Plateaus Travestie spielen oder ihre erotische Ausstrahlung testen. Das kann witzig aussehen, wie der Attraktivitäts-Wettstreit Wearing the tits today zwischen Shori Yamamoto und Taisia Muratore. Oder auch klamaukig entbehrlich wie später die Charleys-Tanten-Nummer.

 Darrel Toulon konfrontiert Neoklassik mit allem, was ihm sonst noch von Tabledance bis Flickflack in die Quere kommt. Er zeigt Poser und Träumer, Zuschauer und Wartende, Verliebte und Verlassene. Und er lässt den Tänzern Raum für ihre Eigenheiten: Shori Yamamoto, der sich hier mindestens an den Rand der Trance federt. Alexey Irmatov mit seiner sportlich-akrobatischen Dynamik. Yamamoto und Gottschall als so gegensätzliches wie harmonisch-rasantes Duo. Oder Martin Anderson und Saya Komine in einem zartbitteren Pas de deux.

 Man hat das Kieler Ballett schon öfter in Partylaune erlebt, zuletzt in der Salzhalle in Vivienne Hötgers Choreografie On Spec. Aber hier dreht die Spirale noch ein paar Windungen weiter, bis Tanz und Musik zum pumpenden Rausch verschmelzen. Das funktioniert in der Tradition des Rave als gnadenlose Überwältigung, versenkt sich gar nicht erst in tiefere Schichten oder komplizierte Stimmungswechsel – und macht mit dem entfesselten Kieler Ballett einfach bloß Spaß. Rauschender Applaus.

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