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Sehnsucht nach Zusammenhang

Blindlings Sehnsucht nach Zusammenhang

Im Bühnenbild kommt Blindlings von Simon Stephens auf den Punkt: das Haltlose, Unbehauste, die Unordnung in den Gefühlen und Familienverhältnissen. Aber auch die Sehnsucht nach Absprung und Weite. Für die Premiere in Anwesenheit des Autors gab es am Freitag viel Beifall im Theater Kiel.

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Blindlings in Kiel: Ein bisschen flüssiger darf das Spiel an mancher Stelle noch werden.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Cathys Universum ist ein mülliges Inselmeer; wie bunte Abfallschollen treiben die Versatzstücke auf der Bühne, Podeste und Bruchteile, auf denen sich die Szenen aneinanderpuzzeln zu Cathys Geschichte. Im Bühnenbild, das Wilfried Minks am Kieler Schauspiel für Blindlings entworfen hat, kommt das Stück von Simon Stephens auf den Punkt: das Haltlose, Unbehauste, die Unordnung in den Gefühlen und Familienverhältnissen. Aber auch die Sehnsucht nach Absprung und Weite. Und das zerrissene England im Winter 1979, als sich der Müll in den Straßen türmte und die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher zur Macht griff, sowieso.

Aber die zersplitterte Fläche erweist sich auch als schön offener Spielraum für die Schauspieler in Ulrike Maacks deutschsprachiger Erstinszenierung des 2014 in Manchester uraufgeführten Stücks. Maack, für die es die fünfte Stephens-Inszenierung in Kiel ist, geht diese Mischung aus Medea in Manchester und Coming-of-Age-Geschichte sehr direkt an, gibt Stephens umstandslos poetischer Sprache Raum, konzentriert die Episoden zu Minidramen, zoomt sie bis ins Überwirkliche  – und bricht das Drama mit der Leichtigkeit ihrer Teenie-Helden.

Die sind frisch, wie auf der Straße eingesammelt: Felix Zimmer sieht in seinen schwarzen Klamotten ein bisschen aus wie Sam Rileys Ian Curtis im Biopic Control und flirrt schön durch die gefährliche Mischung aus Mistkerl und ruppigem Charmeur. Diesen Vorstadt-Provokateur, der die Leute mit seinen frechen Tabubrüchen und seiner kriminellen Energie vor den Kopf stößt, hat sich Cathy (Jessica Ohl) ausgesucht. Den will sie haben. Weil sie sich mit ihm fühlt, als hätte sie Löcher in der Haut. Weil er ihr als Türöffner erscheint in eine andere Welt, ohne die überbesorgte Mutter, weg vom kleinbürgerlichen Friseursalon-Milieu. Den beiden gelingt eine famose, vollkommen unpeinliche Sexszene, und Jessica Ohl treibt diese Cathy mit überhitzter Energie voran, ist mutwillig furchtlose Göre, allerdings allzu gern auch diejenige, die noch lieber mit der Rolle kokettiert.

Drumherum haben sich die „Alten“ eingerichtet in dieser Welt ohne Zusammenhang: Susan (mit angemessenem Proll-Charme: Ellen Dorn), Cathys Mutter, die dem toten Ehemann hassliebend hinterhertrauert und sich zu einer echten Beziehung mit Isaac (nachdenklich zurückhaltend: Marko Gebbert), dem Freund des Verstorbenen, nicht entschließen kann. Und selbst Siobhan, dieser besten falschen Freundin (überzeugend ungemütlich: Magdalena Neuhaus), fällt auf die Frage, ob es ihr hier gefalle, nur ein: „Warum nicht?“ Und als John mit ihr eine Affäre anfängt, kippt Cathys überdimensionierte Liebe in eine ebensolche Rache.   

Schräge Typen sind Stephens Figuren alle, nicht immer liebenswert mit ihren widerstreitenden Gefühlen, aber von ungestümer Lebendigkeit. Ein bisschen flüssiger darf das Spiel an mancher Stelle noch werden, ein bisschen gefährlicher könnte es noch brodeln, bis zur Katastrophe – aber vor allem gelingt es Ulrike Maack, das Stück in seinem fragilen Zwischenzustand einzupendeln. Da fühlt man die Klüfte zwischen den Figuren und die Sehnsucht nach Zusammenhang. Und man ahnt, wie sich dazwischen das Banal-Alltägliche zur Tragödie auswächst.

Am Ende sind 16 Jahre vergangen, die Ära Thatcher treibt ihrem Ende entgegen und Cathy (nun Ellen Dorn) hat ihre Strafe abgesessen. Seltsam leer steht sie da, und ihre Sehnsucht, die ist ganz genau dieselbe geblieben.

Schauspielhaus Kiel. Vorstellungen: 27., 30., 31. Januar; 10., 19. Februar; 10. März. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de 

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