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Ritt auf Streitwagen und goldenem Kalb

Blitz-Kritik: Alligatoah in der Sparkassen-Arena Ritt auf Streitwagen und goldenem Kalb

 
Mit einem „Nachzügler“ seiner „Himmelfahrtskommando“-Tour im Frühjahr 2016 kam der „Schauspiel-Rapper“ Alligatoah in die Kieler Sparkassen-Arena. Vor knapp 5.000 Zuhörern rappte und rockte er ganz buchstäblich über Gott und die Welt in deren manchmal bigotten Zuständen.

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Alligatoah thronte in antiker Rüstung gottgleich auf dem Streitwagen über den Wolken.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Der erste Eindruck:
Ein ebenso starkes wie schwer symbolisches (Bühnen-) Bild, wenn Alligatoah in antiker Rüstung gottgleich auf dem Streitwagen über den Wolken thront, umtanzt vom seinem „Sidekick“ und ergebenen Diener BeraterBoi Basti. An strengen Zügeln hält er seine vier rockenden Band-Mitglieder, die fluffige Engelsflügel am Rücken und Sprengstoffgürtel von Gotteskriegern um die Hüften tragen.
 
Das Programm:
„Wollt ihr mit mir durch diesen Himmel reisen?“, fragt Alligatoah in der Anmoderation zu „Mama, kannst du mich abholen“, welcher Song sowohl auf dem jüngsten Album „Musik ist keine Lösung“ als auch in der Bühnen-Show als Rondo dreimal wiederkehrt. Wollen wir schon, aber der Himmel ist verschmutzt – wie die Erde und deren Ozeane, welche Vermüllung und Wegwerf-Mentalität in „Lass liegen“ satirisch aufgespießt wird. Kann man da glauben, dass „mein Gott den Längsten“ hat? Später steigt „AllahGottOha“ von seinem stürzenden Thron nieder auf Erden, reklamiert dort doppeldeutig „das Recht, mich zu beschweren“, ficht mit BattleBoi Basti in „Rabenväter“ um die richtige Pädagogik, bis er sich mit dem „Trauerfeierlied“ ein Denkmal zu Lebzeiten setzt.
 
Das Publikum ...
... findet mein 17-jähriger, in Rap-Dingen mehr als ich erfahrener Begleiter „feierbar, aber nicht unbedingt nice“. Mag nämlich sein, dass es die satirische Ironie von Alligatoahs Texten gar nicht versteht, mutmaßt er. Womöglich auch nicht den Bühnenbildwechsel vom Streitwagen zum golden Kalb, auf dem Alligatoah reitet. Denn wer sei heutzutage schon noch bibelfest? Der biblische Tanz um das Kalb wird gerade im gecrowdeten Parkett dennoch fröhlichst mitgemacht, sei es beim Pogo zum karnevalesken „Es ist noch Suppe da“ oder beim Handy-Fackeln Schwenken zu „Namen machen“ mit dem schmalzigen Sample von „My Heart Will Go On“.
 
Was in Erinnerung bleibt:
Alligatoahs mehrdeutige Texte: Sie kommen burschikos kalauernd daher – „Ich kann Doktor spielen, bis der Arzt kommt“ –, haben aber zuweilen die Tiefe von Aphorismen. So heißt es – durchaus hoffnungsvoll – im zugegebenen Song „Musik ist keine Lösung“: „Die Menschen sind nicht böse, die Menschen sind nur dumm.“
 
Fazit:
Alligatoahs Songs sind mehr Rock (-Pop) als Rap, statt hipp, eher hinterher hoppelnd wie der berühmte Hase der Schildkröte. Aber das soll so. Alligatoah begibt sich bewusst in den Spalt zwischen Gott und Welt und ist dabei so zerrissen wie unsere Zeit zwischen Streitwägen und goldenen Kälbern.

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