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Böse Seeräuber, küssende Löwen

Händel Festspiele Göttingen Böse Seeräuber, küssende Löwen

Mit einer musikalischen Sensation begannen die Internationalen Händel Festspiele Göttingen: Das „im leichten opernhaften Stil“ komponierte Oratorium „Susanna“, ein verkanntes, selten aufgeführtes Spätwerk des hallensischen Meisters, schlug das Publikum in seinen Bann.

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Roman in einem Rausch

James Laing (Tirinto), Anna Dennis (Rosmene) und der Corpo Barocco.

Quelle: Alciro Theodoro da Silva

Göttingen. Der in der Bibel geschilderte Justizskandal um die junge, attraktive Ehefrau Susanna, die im Bade von zwei Lustgreisen bedrängt wird, hat Händel zu einer außerordentlich kontrastreichen, vielschillernden Partitur angeregt. Monumentale Chöre stehen neben der Anmut und Leichtigkeit so mancher Arie, Innig-Empfindsames neben grober sexueller Begierde, bezaubernd Pastorales neben der grotesken Komik der frustrierten alten Männer. Der englische Dirigent Laurence Cummings, das bestens aufgelegte FestspielOrchester Göttingen (FOG), der NDR Chor und fünf exzellenten Gesangssolisten – allen voran die Mezzosopranistin Emily Fons als bezaubernde Susanna und der balsamisch wohltönende Countertenor Christopher Lowrey als Joacim – haben diesen musikalischen Krimi mit prallem Leben gefüllt und dem Publikum eine Sternstunde beschert.

 Dass ein so wenig bekanntes Opern-Oratorium wie „Susanna“ vor ausverkauftem Haus gespielt werden kann – die Göttinger Stadthalle umfasst 1200 Plätze! – ist wahrlich keine Selbstverständ-lichkeit. Da lohnt ein Blick zurück in die Rezeptionsgeschichte, denn Händels Opern sind erst vor einigen Jahrzehnten zu einer Popularität gekommen, die selbst die kühnsten Erwartungen der Freunde des großen Barockmeisters bei weitem übertroffen hat. Die drei Händel-Festspiele in Göttingen, Karlsruhe und Halle reichen kaum aus, um die enorme Nachfrage nach Tickets zu befriedigen. Das Erstaunliche daran ist, dass die Opern in einem über 150 Jahre währenden Dornröschenschlaf lagen, bis sie endlich wieder von einem jungen Mann, von Oskar Hagen, wachgeküsst wurden. Das geschah 1920 in Göttingen mit der Aufführung der „Rodelinde“. Bis dahin hatte es keine einzige Aufführung seiner 42 Opern gegeben – weder in Deutschland noch irgendwo sonst.

 Die Händel-Renaissance begann auf geradezu märchenhafte Weise: Oskar Hagen hatte in einer Vorlesung in Halle von der Existenz der Händel-Opern gehört und glaubte, dass sie „eine Fülle schönster Musik“ enthalten müssten. Er war neugierig geworden und fasste den kühnen Plan, endlich einmal eine Oper aufzuführen, und zwar in Göttingen, wo es viel Verständnis und finanzielle Unterstützung für diese Pioniertat gab. Wer konnte auch nur ahnen, dass dadurch eine Händel-Renaissance sondergleichen losgetreten würde! Es sollte aber noch viele Jahre dauern, bis sie wirkliche Breitenwirkung zeigte. Natürlich wurde „Rodelinde“ 1920 in deutscher Sprache gesungen, natürlich gab es mannigfache Eingriffe in den originalen Notentext – erst als John Eliot Gardiner 1980 Künstlerischer Leiter der Händel Festspiele Göttingen wurde, wurden größtmögliche Werktreue und die historische Aufführungspraxis eine Selbstverständlichkeit. Nicholas McGegan, sein Nachfolger, setzte sich dann dafür ein, dass Händels Opern auch aus der Perspektive des zeitgenössischen Regietheaters beleuchtet wurden, was für ganz ungewöhnliche Interpretationsansätze gesorgt hat.

 Beim diesjährigen Festival ist Laurence Cummings, der jetzige Künstlerische Leiter, ganz andere Wege gegangen. Um Händels vorletzte Oper „Imeneo“ auf die Bühne zu bringen, wurde die belgische Regisseurin und Choreographin Sigrid T'Hooft mit der Neuinszenierung dieser wenig bekannten Oper beauftragt. Mit ihrer neuartigen, auf der historischen Aufführungspraxis basierenden Theatersprache geht sie ganz andere Wege als das Regietheater. Bei ihr gibt es keine moderne Umdeutungen, keine Ablenkung vom eigentlichen Gehalt der Oper, sondern eine Rückbesinnung auf das Wesentliche. Sie kommt mit einem Bühnenbild für alle drei Akte aus: Wir bekommen ein idyllisches Arkadien präsentiert, mit Wald und Büschen und antiken Säulen zur Rechten wie zur Linken. Das ist hübsch anzuschauen und sehr stimmungsvoll. Auf elektrische Beleuchtung wird vollkommen verzichtet. Statt dessen hüllen die Flammen von etwa sechzig Kerzen die Bühne in ein poetisches, mildes Licht. Nichts lenkt hier vom Bühnengeschehen ab. Obwohl die in phantasievollen Barockkostümen auftretenden Sänger und Sängerinnen die Gestik des 18. Jahrhunderts anwenden, hat Sigrid T'Hooft keine Rekonstruktion der Uraufführung von 1740 angestrebt: „Alles, was ich tue, ist zeitgenössisch,“ sagt sie und fügt hinzu: „Bei einem gleichmäßig flackernden Kerzenlicht ist der Zuschauer sein eigener Regisseur.“

 Der Inhalt des „Imeneo“ ist denkbar einfach und überschaubar und kommt ganz ohne die sonst bei Händel üblichen Intrigen und komplizierten Verwicklungen aus: Rosmene wird von bösen Seeräubern entführt und von Imeneo befreit. Er bringt sie in ihr Vaterland zurück, verliebt sich in sie und fordert zum Lohn für seine tapfere Tat ihre Hand. Rosmene aber war und ist in Tirinto verliebt, der sie gerne in seine Arme schließen möchte. Sie ist hin und her gerissen zwischen ihrer Liebe zu Tirinto und der Verpflichtung gegenüber ihrem Lebensretter Imeneo. Der Konflikt wird auch dadurch nicht gelöst, dass sich Rosmenes Freundin Clomiri in Imeneo verliebt – dieser ignoriert sie einfach nur. Auch als sich Rosmene wahnsinnig stellt, kommt sie zu keinem wirklichen Entschluss. Schließlich aber siegt die Pflicht über die Liebe: Sie heiratet zwar Imeneo, stimmt aber vorher ein Duett mit dem verzweifelten Tirinto an, das in der Erkenntnis gipfelt: „Leid und Freude stehen nahe beieinander.“ Hier verschmelzen der Sopran der Anna Dennis (Rosmene) und dar Countertenor des James Laing (Tirinto) zu einem überirdisch schönen, herzzerreißenden Wohlklang. Es gibt hier auch nicht das sonst übliche 'lieto fine' (Happy End) mit schmetternden Trompeten. Es ist eben kein wirklich glückliches Ende, weswegen Händel die Musik in einem anrührenden Schwebezustand belassen hat. Neben den beiden schon genannten herausragenden Darstellern kann der Bariton William Berger als Imeneo für sich einnehmen, Stefanie True überzeugt mit glockenhellem Sopran als Clomiri und Matthews Brook (Argenio) macht aus seiner Arie „Sull' arena di barbara scena“ ein Kabinettstück köstlichen Humors, wenn er versucht, Rosmene anhand eines Gleichnisses von ihrer Pflicht gegenüber Imeneo zu überzeugen: Der Löwe frisst den erjagten Mann nicht, weil er in ihm seinen Wohltäter erkennt, der ihm einst einen Dorn aus dem Fuß gezogen hat – statt dessen küsst er ihn. Solche und ähnliche Szenen werden von der Regisseurin auf feinsinnige Weise genutzt, um dem Liebesdrama einen leicht ironischen Touch zu geben. Dazu trägt auch ihr Corpo Barocco bei, dessen phantasievolle Tanzeinlagen die Handlung auflockern.

 Laurence Cummings und sein FestivalOrchester Göttingen sorgen für ein ungemein farbenreiches Spiel, das in großem Spannungsbogen den introvertiert-feinsinnigen Emotionen ebenso gerecht wird wie den leidenschaftlichen. Das Premierenpublikum bedankte sich bei allen mit nicht enden wollendem Jubel, mit Bravorufen und rhythmischem Klatschen.

 „Was noch fehlt“, sagt Intendant Tobias Wolff, „ist ein ganzer Opernzyklus.“ Für 2020, zum einhundertsten Geburtstag der Göttinger Festspiele, ist er geplant. Man darf gespannt sein.

 Die Festspiele enden am Pfingstmontag mit „Imeneo“. Bis dahin wird ein außerordentlich vielfältiges Programm geboten, auch für Kinder. Tel.: 0551-3848 130. www.haendel-festspiele.de

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