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Im Dreiklang von Wein, Weib und Gesang

Brechts „Baal“ in Kiel Im Dreiklang von Wein, Weib und Gesang

„Sein mach, was dir Spaß macht, gäbe viel her, richtig behandelt“, notierte Bertolt Brecht 1938 über Baal, den Titelhelden seines 20 Jahre früher entstandenen Frühwerks, das er ansonsten einen „Torso“ nannte. Um eine richtige Behandlung bemüht sich jetzt Dariusch Yazdkhasti in seiner Inszenierung für das Kieler Schauspiel.

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Wein, Weib und Gesang. Das bildet nun mal – altmodisch formuliert – den Dreiklang auf dem sich Yazdkhastis und Gebberts Baal durch das Stück wütet.

Quelle: Struck

Kiel. Er reichert das Spielmaterial an, geht zu ihm im Sinn des epischen Theaters auf Distanz und verlagert  es in die Moderne.

Marko Gebbert, der omnipräsente Baal-Spieler zieht sich zum finalen Applaus ein T-Shirt über, auf dem große Namen prangen: Hendrix etwa oder Cobain und Morrison. So erinnert er überdeutlich daran, was die Regie vorführt: Brechts Künstlergenie als einen Ahnen der frühvollendeten Poplegenden – Sex, Drugs und Rock’n’Roll, wild gelebt und schnell gestorben. Darum wird, inspiriert von Wolfgang Siudas Klängen und Brechts Texten, viel Musik gemacht. Und Gebbert kann ja mit beachtlichen Fertigkeiten an der Gitarre glänzen.

Dariusch Yazdkhasti gibt reichlich Stoff. Nicht nur musikalisch. Er riskiert dabei Längen, denn mit literaturwissenschaftlicher List ist er auf Textsuche gegangen und hat „Baal“-Material ausgegraben, das Brecht in seiner letzten Fassung von 1955 längst hinter sich gelassen hatte: Szenen, Varianten, Figuren wie Baals Mutter (prägnant: Almuth Schmidt) oder Gesänge, etwa „Das Lied von der Wolke in der Nacht“ oder die schönen Zeilen „Den Abendhimmel macht das Saufen sehr dunkel...“ aus einem der anderen Brecht’schen Liebeslieder.

Wein, Weib und Gesang. Das bildet nun mal – altmodisch formuliert – den Dreiklang auf dem sich Yazdkhastis und Gebberts Baal durch das Stück wütet. Alles im Übermaß genossen und schon in der ersten Szene – im Salon des Unternehmers Mäch – so drastisch ausgekostet, dass sich die feine Gesellschaft schön provoziert fühlt und von der Spielfläche flüchtet. Ins Auditorium, versteht sich, denn das Publikum soll ja betroffen sein.

Und doch stellt der Regisseur durch ein paar Verfremdungseffekte aus dem Repertoire des „epischen Theaters“ Distanz her. Etwa mit dem Trick, die Räume im drehbaren Würfel im Zentrum von Simeon Meiers Bühne stets sichtbar zu wechseln. Oder mit der Methode,  die Strophen  aus dem „Choral vom großen Baal“ in der Art einer Moritat gelegentlich wieder aufzunehmen. Dazu stimmen, von der Seite kommentierend, die weiblich zart gesungenen „Erinnerungen an die Marie A.“ wesentliche Grundmotive an: kurze Liebe, weiße Wolke, hoher Himmel. Suff, Sex und Schenke sind angesagt, Landschaft fehlt: keine Weiden, keine Felder, kein Laubdickicht, kein Wald.

Darüber hinaus spielt Dariusch Yazdkhasti mit allem, was er hat. Mit der Wandlungsfähigkeit seiner von Katharina Kromminga markant kostümierten Darsteller vor allem: Yvonne Rupprecht, Magdalena Neuhaus, Jennifer Böhm, Jessica Ohl als die wechselnden Opfer der männlichen Begierden; Simon Heinle und Andreas Hilscher in den vorübergehenden Partnerrollen. Nachhaltiger wirkt Zacharias Preen, der treue Ekart.

Ganz groß natürlich Marko Gebbert in der Titelrolle. Sein Baal scheint vom Teufel geritten und von allen guten Geistern verlassen.  Im Spiel vereint er Kraftmeierei mit Geniestreich: immer wieder virile Attacke, Innehalten nur in Momenten der Lust, kaum einmal Besinnung, wenig verhaltenes Leid; selbst sein Tod zeigt kein mattes Verlöschen, sondern wildes, expressives Aufbegehren, bevor in seinen Erdenschoß kriecht und auf der Bühne hoch in sein Nest klettert. Ihm gehört erwartungsgemäß die größte Begeisterung im Zentrum des Premierenapplauses.

Weitere Aufführungen: 21., 23., 28., 30. Okt.; 5., 14., 25. Nov. Karten-Tel.: 0431-901901; www.theater-kiel.de

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