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Blutsbrüder des Delta-Blues

Brother Dege im Kulturforum Blutsbrüder des Delta-Blues

Ein Zug rauscht akustisch durchs Kulturforum – Soundtrack für einen, der nicht erst durch seinen Soundtrack zu Quentin Tarantinos Südstaaten-Opus Django unchained bekannt wurde: Brother Dege aka Dege Legg begrüßt das Kieler Publikum mit einem „Moin Moin!“, das so erdig herzhaft ist wie sein Delta-Blues.

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Erdig herzhafter Auftritt im Kulturforum: Brother Dege und sein Bluesbrother Tom Portman (li.).

Quelle: Manuel Weber: mwe

Kiel. Und den zelebriert er zunächst solo, dann mit seinem Trio the Brotherhood of Blues. „Eigentlich bin ich ja mit Rock’n’Roll aufgewachsen“, erzählt Dege über seine Jugend im tiefsten Louisiana. „Dann entdeckte ich aber, dass die Älteren es echt drauf hatten.“ Gemeint ist der urtümliche Delta-Blues mit seinen Slide-Gitarren, die ruhelos rauschen wie am Grund des Mississippi die Steine und rollen wie die Züge auf den endlosen Gleisen des Lebens. Unwillkürlich entstehen solche filmischen Bilder im Kopf des Zuhörers, wenn Deges bebende Slides auf der Drobo die Tränen des Girl Who Wept Stones geradezu auf der eigenen Haut spürbar werden lassen und der satt einsetzende Beat der Stomp-Box zu Deges Füßen das Herz umso blutiger in der Brust schlagen lassen.

 „Ist ziemlich depressiv, oder?“, fragt Dege in die Runde. Ja, so ist es, aber soll auch so sein, denn das ist die alte Seele des Blues aus dem Delta, die noch herzzerreißender „jault“, wenn der sich nun hinzugesellende Bluesbrother Tom Portman den Bottleneck über die Saiten der waagerecht vor seinem Bauch hängenden Gitarre gleiten lässt. Das „Sliding“ lässt die Gitarren singen wie eine menschliche Stimme: „Why do you keep me waitin’ so long?“, fragt sie immer wieder, ohne Antwort zu bekommen.

 Die geben Brother Dege und seine um Kent Beatty am dampfenden E-Bass und Greg Travasos auf den nervös tickenden Drums vervollständigte Brotherhood of Blues nach der Pause in gänzlich anderem Sound. Revolution heißt der erste Song des nun folgenden zweiten Sets nicht von ungefähr. Ab jetzt wird im Delta nicht mehr nur gebluest, sondern vor allem gerockt. 90 Minuten nonstop entfacht das Quartett im träge fließenden Mississippi manche Sturzbäche und Stromschnellen. Bei Stücken wie One Grey Morning oder Judgement Day tauscht Dege seine Drobo gegen eine E-Gitarre, und wir erinnern uns: Eigentlich stammt er ja vom Rock’n’Roll.

 Letzterer bleibt aber ein Blutsbruder des Blues, und so greift Dege für Pay No Mind wieder zur Drobo, um sich mit Portman ebenso wilde wie ausgedehnte Slide-Gefechte zu liefern, die in Too Old To Die Young, dem klangbild-mächtigen Titelstück aus dem Django unchained-Soundtrack kulminieren. Ein einziges Brodeln des Delta-Blues, angetrieben vom Rock’n’Roll, das am Ende dieses famosen Slide-Surfings durch den „Old Man River“ wie ein Resümee steht: Nämlich dass der archaische Delta-Blues zu alt ist, um so jung zu sterben; dass sein Blut von seinen treuen Brüdern immer noch und immer wieder zum Kochen gebracht werden kann.

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