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Eine riesige Balalaika

Büdelsdorf Eine riesige Balalaika

Die Andeutung eines Kosaken-Tanzes und die Aufforderung an das Orchesterkollektiv, sich bitte in eine „riesige Balalaika“ zu verwandeln, macht schnell klar: hier geht es russisch zu.

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Energieentladungen auf russische Art: Der Dirigent Manfred Honeck animiert die jungen Festivalakademisten.

Quelle: Axel Nickolaus

Büdelsdorf. Manfred Honeck, nach 2012 zum zweiten Mal Alleinherrscher vom Pult in der ACO Thormannhalle, probt den Beitrag des Festivalorchesters zum Tschaikowsky-Schwerpunkt des SHMF. Die Fünfte Symphonie des Meisters, die sich von schicksalbeschwertem e-Moll schließlich zu einem „sieghaften“ E-Dur durchringt (Honeck: „aber nicht im militärischen Sinne ...“), bietet alles, was junge Talente bis an ihre Grenzen fordert – spieltechnisch bisweilen hochvirtuos, voller Farb- und Stimmungswerte, innig und explosiv, rhythmisch vertrackt.

 Der Österreicher Honeck, einst als Bratscher Mitglied der Wiener Philharmoniker und inzwischen Chef in Pittsburgh sowie Erster Gastdirigent der Tschechischen Philharmonie in Prag, zeigt im Finalsatz des Opus 64 eine glasklare Vorstellung davon, was er gerne hören möchte. Immer wieder stellt er sicher, dass eine Stelle straff „nach Russland und nicht gemütlich nach Österreich klingt“. In Detailproben mit den verschiedenen Registergruppen des Orchesters verdichtet er das Legato, damit die Melodiezüge ins Singen kommen und nicht im Telegrammstil zerfallen. Gleichzeitig schärft der Dirigent die Prägnanz im Untergrund und den Eingeweiden der brillanten Partitur. Da werden die Klarinetten zum Hochreißen ihrer Schalltrichter ermuntert (“Wie auf dem Oktoberfest ...“), die Holzbläser zu gestoßenen Tönen animiert oder die Hörner eingefangen, wenn sie sich vordrängeln (“Ich liebe euren Hörner-Kontrapunkt auch sehr, aber die anderen haben nun mal die Hauptstimme“).

 Als Vater von sechs Kindern, darunter bereits erfolgreiche Profifußballer und -musiker, scheint der 56-Jährige einen wirklich guten Draht zum Nachwuchs zu haben. Verbal und mittels einer flüssig aktiven Zeichengebung, die ein wenig an den legendären Carlos Kleiber erinnert, aber vermutlich eher durch die Assistenzzeit bei Claudio Abbado geschliffen wurde, ordnet er die immer höher schlagenden Steigerungswellen. Gerade von den Kontrabässen fordert – und bekommt – er dabei extremen Muskeleinsatz, wenn sie stampfend den Weg aufs Ziel grundieren. Überhaupt hat er nichts dagegen, wenn sich am Ende über dem tobenden Meer der Streicher eine staubige „Kolophonium-Cloud“ aus dem zur besseren Griffigkeit der Bogenhaare aufgetragen Baumharz gebildet hat.

 Doch auch für entspannende Heiterkeit versteht Honeck zu sorgen. Bei der Generalpause vor dem Durchbruch des Zentralmotivs in Fortissimo-Dur merkt er an: „Hier applaudieren gerne einige Leute. Das macht aber nichts. Wir geben den Rest der Symphonie dann einfach als Zugabe ...“

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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