11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Raritäten-Entdeckung: Cendrillon

Komische Oper Berlin Raritäten-Entdeckung: Cendrillon

Cendrillon nennen die Franzosen das Aschenputtel, und Jules Massenet hat nach dieser Märchenfigur seine 1899 in Paris uraufgeführte Oper benannt. Wenn man seine damals in Frankreich umjubelte „Cendrillon“ in der Komischen Oper in Berlin in der phantastischen Inszenierung von Damiano Michieletto gesehen hat, dann mag man kaum glauben, dass diese vieraktige „Conte de Fées“ erst jetzt Berliner Premiere feiern konnte.

Voriger Artikel
Schicksale zwischen Dokumentation und Drama
Nächster Artikel
Theater Lübeck macht Flucht und Vertreibung zum Thema

Eine Szene aus Jules Massenets "Cendrillon" (Aschenputtel) an der Komischen Oper Berlin.

Quelle: Monika Rittershaus

Berlin. Über einhundert Jahre wurde „Cendrillon“ in der deutschen Hauptstadt wie Aschenputtel behandelt und einfach nicht beachtet. Wer Rossinis Buffo-Oper „La Cenerentola“ kennt, wird verwundert sein, dass dieser Stoff auch fast ausschließlich ernst und sehr romantisch behandelt werden kann. Der subtilen Inszenierung von Damiano Michieletto ist es zu verdanken, dass aus den Märchenfiguren Menschen aus Fleisch und Blut geworden sind, deren Probleme uns durchaus angehen. Er hat die Handlung in einen Ballettsaal verlegt, in dem Madame de la Haltière ein strenges Regiment führt. Ihre beiden dummdreisten Töchter Noémie und Dorothée zieht sie ihrer charmanten Stieftochter Lucette (Cendrillon) eindeutig vor, denn diese wurde von ihrer Stiefmutter dermaßen malträtiert, dass sie nun im Krankenhaus liegt und vom Tanzen nur noch träumen kann. Und träumen tut die viel: natürlich von einem Prince Charmant und der großen Liebe. Pandolfe, Lucettes Vater, ist rührend um seine kranke Tochter bemüht, kann ihr aber nicht helfen, weil er selbst unter dem Pantoffel seiner herrschsüchtigen Frau steht. Könnten das nicht auch die Probleme einer modernen Patchwork-Familie sein?

 Der mehrmalige Wechsel von der tristen Realität zu surrealen Traumwelten gelingt Michieletto und seinem Bühnenbildner Paolo Fantin hervorragend. Die Unterrichtsszenen im Ballettsaal sind voller Komik, wenn sich Mitglieder des Chors und die Gesangssolisten im Tanzen üben. Auch ist der Zickenstreit zwischen den den überheblichen Schwestern köstlich anzuschauen und auch anzuhören, denn hier sind Massenet ungemein witzige Pointen eingefallen. Die Tristesse von Cendrillons Krankenzimmer kontrastiert auf eindrucksvolle Weise mit den sehnsüchtigen Traumgebilden des jungen Mädchens.

 Die in Husum geborene und von der Dresdner Semperoper „ausgeborgte“ Nadja Mchantaf ist die ideale Besetzung für die Titelpartie. In der nächsten Saison wird sie zum festen Ensemble der Komischen Oper Berlin gehören. Dank ihres runden, ausdrucksstarken und höhensicheren Soprans ist sie in der Lage, alle Gefühlsregungen und Nuancen ihrer Rolle ausloten und so intensiv zu durchleben, dass ihr das Mitgefühl des Publikums sicher ist. Und wenn sie mit ihrem Prince Charmant in glücklicher Traumwelt zusammen ist, dann vereint sich ihr schöner Sopran in wundervollem Wohlklang mit dem samtenen Mezzosopran der Karolina Gumos. Agnes Zwierko ist eine Madame de la Haltière, die einerseits sehr wohl schroff und bösartig sein kann, andererseits aber eben auch ihre Sehnsüchte hat, also durchaus eine komplexe Figur ist. Die beiden Väterrollen könnten unterschiedlicher nicht sein, auf der einen Seite der mitfühlende Pandolfe, dessen Verzweiflung Werner Van Mechelen großartig darstellt, und auf der anderen Seite der grobe, herzlose König, der seinen Sohn, den melancholischen Prince Charmant, herumkommandiert. Carsten Sabrowski tut das mit profundem Bass.

 Henrik Nánási, der GMD der Komischen Oper, führt das Orchester mit Feingefühl und Eleganz durch Massenets erstaunlich vielschichtige Partitur. Witz und Ironie haben da ebenso ihren Platz wie auch ein feingliedriger Impressionismus à la Debussy. Nánási sorgt auch für emotional überwältigende Passagen und zauberhaften Schönklang, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Frenetischer Applaus für alle.

 Weitere Aufführungen: 16., 19., 26., 29., Juni und 2. / 10. Juli Kartentelefon (030)47 99 74 00

  www.komische-oper-berlin.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie Frau
Marion N.-Neurode

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3