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Ein Fest der Geduld

Deutsches Schauspielhaus Hamburg Ein Fest der Geduld

 Die Szene, mit der Christoph Marthaler Ödön von Horvàths Glaube Liebe Hoffnung einleitet, konzentriert schon das ganze Fräuleindrama zur tragikomischen Menschheitsfarce. Um Elisabeth und all die autistischen Herren, an denen sie ihr Leben aufzurichten versucht, wenn es denn schon mit dem Wandergewerbeschein für Unterwäsche nicht klappen will.

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Clemens Sienknecht, Bettina Stucky, Irm Hermann, Sasha Rau und Olivia Grigolli im typischen Wartesaal.

Quelle: Walter Mair

Hamburg. Das Leben ist eine umständliche Angelegenheit. Im günstigsten Falle. Dann braucht ein Handwerker halt ein bisschen länger, bis die Leiter ausgerichtet ist an der Hauswand, die Buchstaben herbeigeschafft sind und auf dem Vordach des „Anatomischen Instituts“ montiert. Manchmal kommt es schlimmer, dann wird aus umständlich ungemütlich, weil plötzlich ein paar Stufen aus der Leiter brechen, der Mensch unvorhergesehen haltlos in der Gegend hängt und der Schriftzug lückenhaft bleibt.

Vier Jahre nach der umstrittenen Premiere bei den Wiener Festwochen, nach Jubel in Zürich und Berlin hat Intendantin Karin Beier die Inszenierung jetzt ans Schauspielhaus Hamburg geholt – eine lohnende Geduldsprobe in dreieinhalb Stunden (auch wenn sich dieser nicht jeder hingeben mochte), ein Fest der winzigen Gesten und stillen großen Momente.

 Allein das Bühnenbild von Anna Viebrock: kränklich gelbe Kacheln, blässliches Holz und Glastüren, die den Durchblick nur vorgaukeln. Ein monumentales Bollwerk der Biederkeit, dicht an den Bühnenrand gerückt, vor dem sich Mädchen und Männer herumdrücken wie auf dem Straßenstrich. Der Präparator und monströse Tierfreund (Jean-Pierre Cornu), der linkische Polizist (Ueli Jäggi), der steinkalte Baron (Ulrich Voss), der Richter-Apparatschik (Josef Ostendorf) und der tollkühne Retter (Jan-Peter Kampwirth).

 Elisabeth begegnet ihnen gleich in doppelter Ausführung: die eine (Olivia Grigolli) ein bisschen müder, resignierter, die andere (Sasha Rau) ein wenig herausfordernder. So streichen sie umeinander herum, rivalisieren und sind doch eins in der hoffnungslosen Tragik. Und über allem wacht die voluminöse Wäsche- oder Mädchenhändlerin Irene Prantl, in Gestalt von Bettina Stucky eine gnadenlos ihrem Beißreflex folgende Hyäne. Aber egal: Ob sexuelle Funktionen oder die Mechanik von Amts wegen - sie sind sich ja doch alle gleich, Gefangene ihrer Reflexe, denen Kontext und Gefühl längst abgeschnitten sind.

 Dabei kann sich Marthaler einmal mehr auf sein untrügliches Gefühl für Langsamkeit verlassen, ebenso wie auf seine fabelhafte Truppe und deren Präzisionsarbeit. Zu schön, wie sich Irm Hermann und Josef Ostendorf als Amtsrichterehepaar durch einen fruchtlosen Ringkampf zerren und zuppeln. Noch schöner, wenn Olivia Grigolli und Ueli Jäggi die Mühen der Annäherung in einem bezaubernden Balzballett nahe am Stillstand spiegeln.

 So zerdehnt und zerlegt der Schweizer Theatermacher die Geschichte, zerbröselt sie, bis sich jeglicher Zusammenhang aufgelöst hat. Unterstützt von einer Tonspur, die der unvergleichliche Clemens Sienknecht mit tanzenden Händen aus dem leeren Orchestergraben oder am Klavier zaubert: stockende Streicher, abgebrochene Lieder von Schuberts Tod und das Mädchen bis Elton Johns Blue Eyes.

 Damit ist Marthaler ganz und gar bei Horvàth, in dessen Stücken die Stille ihren festen Platz hat und der das Gemeinwesen mit seinen Arbeits- und Wohfahrtsämtern auch schon als kaputte Mechanik beschrieb. Mit Menschen darin als lose Federn und Rädchen, deren Bauplan keiner mehr kennt. Da hilft schließlich, wenn die Schauspieler in Endlosschleife summend und singend in eins finden, vielleicht wirklich nur der Gesangsverein.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg. Vorstellungen: 5. + 10. Juni, 3. Juli, Kartentel. 040/24 87 13.

www.schauspielhaus.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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