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Von einer Interpretationsplattform zur nächsten

Christopher Ecker und sein neuer Roman "Der Bahnhof von Plön" Von einer Interpretationsplattform zur nächsten

Es hat inzwischen fast schon Tradition, dass Christopher Ecker sein jeweils jüngstes Buch im Kieler Literaturhaus vorstellt, und die Neugier war entsprechend groß. Der Bahnhof von Plön ist ein irritierender Genremix, der sich gleichermaßen als Spannungsroman wie als philosophisch unterfütterte Auseinandersetzung mit der Gegenwart lesen lässt. Entsprechend viele Interpretationsspielräume hält das Buch bereit.

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Viele Ideen an vielen Orten: Christopher Ecker im Literaturhaus.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. .  Doch worum geht es? Der in New York lebende Ich-Erzähler „Phineas“ erhält den Auftrag, ein Hotelzimmer voller Leichen leerzuräumen. Dahinter steht eine einflussreiche Gestalt, die er den „Lotsen“ nennt und die ihn mit einigem Vergnügen schikaniert. Abgesehen davon, dass sich die zahlreichen Toten bereits in einem schauderhaften Zustand befinden, stellt sich für Phineas eine erhebliche Sinnfrage, denn er soll die Körper über einen zweiten Hotelraum in einen dritten verfrachten – mehr nicht. Warum der Umweg? Oder geht es um eine besonders perfide Art von Beschäftigung, die Phineas von anderen Dingen – etwa dem Nachdenken – abhalten soll?

 Tatsächlich ist Phineas nicht der leicht orientierungslos wirkende Schnapstrinker, der er zu sein scheint. Zum einen vermag er aus einer fahrenden U-Bahn von New York nach Paris, Amsterdam und Kiel zu „springen“ und somit mühelos von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Zum anderen hat er seltsame Erinnerungen an eine Zeit, in der er als Kind die Sprache der Tiere verstand und Sohn eines mächtigen Herrschers war, dem bis zu seinem Tod eine große Festung im Dänischen Wohld gehörte. Vielleicht handelt es sich bei ihm auch bloß um einen Studienrat, der zu viel Phantastik gelesen hat. Oder spielt die seltsame, von Phineas überraschend gleichmütig hingenommene Kopfoperation eine Rolle?

 „Das Ziel war, ganz viele Dinge gleichzeitig ablaufen zu lassen“, meinte Christopher Ecker (Jahrgang 1967) im Hinblick auf die erzählerische Dichte seines Buchs. „Der Leser kann dann von einer Interpretationsplattform zur nächsten springen.“ Ausgangspunkt des Romans sei ein einwöchiger Aufenthalt in einem heruntergekommenen Hotel in New York gewesen, in dem früher ein Serienmörder sein Unwesen getrieben hat; um dieses Gebäude habe sich dann das Romanganze entwickelt. Die Aufgabe bestand nun darin, alle Wohnungen und Plätze mit einem „metaphorisch-phantastischen Geschehen zu koppeln“, um die Orte mit „zusätzlicher Realität aufzuladen“: „Das war etwas extrem spannendes“ – zumal das Buch in zahlreichen Städten spielt, eben auch auf dem Kieler Wilhelmplatz oder in der Linie 101 Richtung Ostufer.

 Und der reale Bahnhof von Plön? Ecker: „Der liegt direkt am See, was eine intensive Erfahrung darstellt – auf der einen Seite ist die Stadt und auf der anderen das Wasser. Als würde man sich im Totenreich befinden. Ein schöneres Tor zu einem jenseitigen Raum kann man sich schwerlich vorstellen.“ Es war ein fabelhafter Abend im Literaturhaus.

Von Kai-Uwe Jürgens

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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