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Es gibt Roskilde, und es gibt die anderen ...

Roskilde Festival Es gibt Roskilde, und es gibt die anderen ...

Das 43. Roskilde Festival westlich von Kopenhagen hat einem wieder einmal einiges zugemutet: Schlafentzug, Sonnenbrand, Genremix. Rihanna, Metallica, Kraftwerk, drei aus 195 – noch Fragen?

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Das 43. Roskilde Festival westlich von Kopenhagen steht für Schlafentzug, Sonnenbrand und Genremix.

Quelle: Tamo Schwarz

Roskilde/Dänemark. Ein schwedischer Dauergast trifft es auf den Punkt: „Es gibt das Roskilde Festival, und es gibt alle anderen Festivals.“ Was bleibt, sind wie Perlen auf eine Schnur gefädelte Momentaufnahmen, die am späten Sonntag in einem audio-visuellen Spezialeffekt namens Kraftwerk münden.

Das 43. Roskilde Festival westlich von Kopenhagen hat einem wieder einmal einiges zugemutet: Schlafentzug, Sonnenbrand, Genremix. Rihanna, Metallica, Kraftwerk, drei aus 195 – noch Fragen?

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Roskilde ist ein Einmal-und-immer-wieder-Festival, ist Hip und Hop, Rock und Pop, Jazz und World. Ist Kunst, wohin man schaut. Ist Essen mit Genuss und grünem Aroma an 145 Ständen mit teilweise mehr als 50 Prozent organischen Zutaten. Ist Anarchie und Demokratie, ästhetische Partizipation. Ist Gras und Bier im Gras und Hier. Roskilde mit mehr als 75000 verkauften Karten ist Non-Profit, auch in diesem Jahr gehen wieder einmal alle Überschüsse, 2013 „mehr als zehn Millionen Kronen (1,3 Mio. Euro)“ (Festival-Direktor Henrik Rasmussen), an humanitäre und kulturelle Organisationen. Roskilde ist das Orange Feeling (angelehnt an die Orange Scene, die sagenumwobene Hauptbühne), das mitreißt und schmeckt und riecht und die Seele samtig auf Links dreht. Roskilde ist Innovation, ist das Gefühl von Solidarität von 32000 enthusiastischen freiwilligen Helfern. Roskilde ist: eine Million Liter Bier, 3500 Kilometer Toilettenpapier, Windenergie, aber auch fast 2000 Tonnen Müll. Roskilde ist …
… Musik! Musik, die magische Momente unter den in diesen Tagen niemals ganz dunklen dänischen Himmel zaubert. Chillige Nachmittagsmomente mit Legenden wie Bobby Womack (69), diesem Soul Survivor mit Alzheimer im Frühstadium, dessen Bariton nach allen Eskapaden noch immer zu berühren weiß. Tarantino holte Womack mit „Across 110th  Street“ aus der Versenkung, Damon Albarn machte ihn jetzt zum „Bravest Man In The Universe“. Kris Kristofferson ist auch so ein Haudegen. Die Sonne brennt, nur mit Gitarre, Mundharmonika und gegerbt kernigen Armen steht der 77-jährige „Rubber Duck“ aus Sam Peckinpahs „Convoy“ in der knalligen Sonne, hangelt sich durch drei Akkorde und sieht dabei einfach nur wahnsinnig gut aus. Form follows Coolness. „Me And Bobby McGee“ und der Tag ist gerettet. Danke, Kris! 
Sich treiben lassen, die Festival-Koordinaten einfach aushebeln, vorbei an der neuen kürbiskugeligen Electro-Bühne „Apollo“ hinüber zur Arena, diesem 20000-Menschen-Tempel, den sogar die kammer-folkigen Nicht-mehr-ganz-Newcomer Of Monsters and Men in den Griff kriegen. Die Akustik: gut, wie auf jeder Bühne. Und mit „Little Talks“ und „Mountain Sound“ legt das isländische Quintett den Schalter auf „Tanzen“ um. Passt gut, denn gleich kommt die barbadische R&B-Schönheit Rihanna. Erstmal wird gebuht, denn: Die Roskilde Crowd ist ganz tief drin in der Musik, huldigt und respektiert, experimentiert. Was sie nicht mag: Allüren. Rihanna lässt 30 Minuten lang auf sich warten, ein No-Go im Festival-Knigge. Nach dem ersten verflogenen Ärger über (Halb-) Playback oder der Enttäuschung über ein baggy sitzendes, formverhüllendes Baseball-Kleid sitzen die Songs. „We Found Love In A Hopeless Place“ – 60000 in R&B-Ekstase. Und „Umbrella“? Auch ohne Regen gut.
Einen Haken gibt’s natürlich immer. Zum Beispiel den, dass man sich keine Konzertbesuch-Assistenten klonen kann. Dann müsste man sich nicht nach einer Stunde eines historischen Metallica-Gigs mit abschließendem Feuerwerk für oder gegen Sigur Rós entscheiden. Für! Zuerst aber Metallica, die zwei Stunden lang Die Hards und Gelegenheits-Fans gleichermaßen bedienten. James Hetfields Grollen durch das pyrobeladene „One“, Lars Ulrichs Dänemark-Heimspiel, ein weiter Bogen vom „Battery“-Thrash zum Schmuse-Metal „Nothing Else Matters“. Diese Band … ach, was soll’s: Metallicaaaaaaaaaa! Apropos Bogen: Mit dem Cello-Bogen bespielt Sigur-Rós-Frontmann Jónsi seine Gitarre und reitet die Rasierklinge. Die isländischen Postrocker – zum Trio geschrumpft – wenden sich ihrer düsteren Seite zu, besonders bei den Songs des neuen Albums „Kveikur“. Alles ist auch visuell mit über-ästhetischen Videos, die die Musik umschließen, hinter Jónsis Falsett aufbrausen. Musik, zum Weinen schön. Vielleicht das Konzert des Jahres.
Zum Weinen schön, das gilt auch für die Genre-Brüche des britischen Elektro-Wunderkinds James Blake, dem die Mittagssonne nicht behagt. „Limit To Your Love“, noch einer dieser magischen Momente, ehe ausgerechnet Queens of the Stone Age dreckig und garagenrockig das Feld bereiten für das Finale mit Kraftwerk. Das hat es vor der Orange Scene noch nicht gegeben: 60000 mit 3D-Brillen im kollektiven Rausch der Klangpioniere. Ästhetisches Gesamtkunstwerk, retro-futuristisches Gehirn-Karussell mit niemals Altmodischem wie „Tour de France“, „The Man Machine“ oder „Music Non Stop“. Wie weiß-bebrillte Mensch-Maschinen aus Huxleys Fantasie stehen die 60000 plötzlich ergriffen da, als diese vier Legenden mit ihren Touch-Pads und der Wirkmacht des Klanges das Festival-Rad anhalten, die Entfremdung des Menschen sezieren und irgendwie selbst minimal-mimisch unbeholfen auf eine huldigende Masse Mensch dieser Größe reagieren. Trotzdem: ein würdiger Abschluss eines phänomenalen 43. Roskilde Festivals.

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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