21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Mit Wotan auf Du und Du

Wagners "Walküre" in Kiel Mit Wotan auf Du und Du

Das Premierenpublikum reagiert hingerissen und feiert GMD Georg Fritzsch und sein Ensemble. Dass sich für die Regie Daniel Karaseks von Wagners "Walküre" am Kieler Opernhaus auch Buh-Rufe in den Jubel mischen, mag an den aktualisierten Interieurs oder am fehlenden Überbau einer eigenen Neuinterpretation liegen.

Kiel Rathausplatz 54.322622 10.134195
Google Map of 54.322622,10.134195
Kiel Rathausplatz Mehr Infos
Nächster Artikel
Auch bei Winnetou: Mario Adorf bleibt der "ewige Schurke"

Brünnhilde (Jane Dutton), Sieglinde (Agnieszka Hauzer), Waltraute (Fiorella Hincapié), Ortlinde (Julia Borchert) auf der Bühne der Kieler Oper.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Doch eigentlich ist der mit Geschick an großen Vorbildern orientierten "Bilderbuch-Ring"-Fortsetzung im Sinne Wagners wenig vorzuwerfen.

Lange Blicke, kleine Gesten, große Worte, heiße Herzen, schlimme Konsequenzen: In Hundings Jagdpalais, wo polierte Wandpaneele und Nierentischchen den Wirtschaftswunder-Wohlstand der 60er-Jahre andeuten, strandet der gehetzte Flüchtling Siegmund. Draußen vor der Tür wacht seine Halbschwester Brünnhilde über ihn, damit der allzumenschliche Plan ihres Vaters auch ja aufgeht: Der Held soll auf Erden richten, was dem vom Ring-Fluch des Nibelungen Alberich angeschlagenen und in eigenen Verträgen verhedderten Gott Wotan nicht mehr selber möglich ist. Dass er sich in der Nobelhütte seines ärgsten Feindes prompt in seine zwangsverheiratete Zwillingsschwester verknallt, führt uns der Regisseur Daniel Karasek wunderbar detailfreudig und hocherotisch vor. Und da der amerikanische Tenor Bryan Register das mit betörender Süße, aber auch explosiver, baritonal grundierter Kraft singt, Agnieszka Hauzer mit reich blühendem Sopran ein berührendes Porträt der Sieglinde zeichnet und Timo Riihonen als düster dräuender Hunding mehr als andeutet, dass er an große finnische Bass-Traditionen anknüpfen wird, hat schon der Erste Aufzug zwingende Ausstrahlung.

Hier finden Sie Bilder zur Walküre-Premiere im Kieler Opernhaus.

Zur Bildergalerie

Wesentlich tragen aber auch die Kieler Philharmoniker dazu bei: GMD Georg Fritzsch lässt den Gewitterregen zu den unruhigen, aber letztlich doch nicht sehr dämonischen Handkamera-Winterwald-Videos von Konrad Kästner rasant losprasseln, um dann auf ein luzides, flexibel mitatmendes, feingezeichnetes Wagner-Weben umzuschalten. Da liegt man mit einem bewundernden Querverweis zu Christian Thielemanns orchestralem Stil keineswegs verkehrt.

Regisseur Karasek verlässt das häusliche Kammerspiel demonstrativ auch nicht, wenn er auf die Götterebene wechselt. Für die kalte Dusche, die Wotan von seiner zu Recht eifersüchtigen Gattin Fricka (wunderbar bissig wortklar und mit großem Mezzo: Alexandra Petersamer) bei der Morgentoilette verpasst bekommt, hat ihm Norbert Ziermann eine schicke und mit imaginärer Verspiegelung geschickt sängerfreundliche Badezimmerlandschaft ins Wochenendhaus auf dem Obersalzberg gebaut.

Zum Pantoffelhelden schrumpft der Welt-AG-Chef hier dennoch nicht, denn Claudia Spielmanns starke Kostüme prägen durchweg würdige Typen und Thomas Hall imponiert durchweg – und noch eindrucksvoller als im Rheingold – mit viril donnerndem Bassbariton und mächtigem Deutsch. Seine Selbstbespieglung im Badezimmer, aber auch die Wutausbrüche und der bewegende Abschied von seiner Lieblingstochter sind sängerische Kraft- und Glanzleistungen.

In seiner amerikanischen Landsfrau Jane Dutton hat er eine Brünnhilde auf Augenhöhe. Sie spielt und singt die Titelpartie mit enorm dramatischer Energie und Empathie. Schon der Hojotoho-Überschwang beim ersten Auftritt macht Eindruck. Und die flammend kluge Verteidigungsrede ihres Ungehorsams überzeugt nicht nur den zürnenden Vater. Da war ein kleiner Einbruch in der Legato-Dichte und klanglichen Präsenz während der tief liegenden „Todverkündigung“ zu verschmerzen.

Nur zu Beginn des dritten Akts verlassen Karasek und Fritzsch den liebevoll gesponnen Kokon der texttreuen Nacherzählungsminiatur und switchen aufs große Kino um. Das homogen jubilierende und ängstlich klagende „Weibergezücht“ der Walküren (Lori Guilbeau, Heike Wittlieb, Julia Borchert, Fiorella Hincapié, Geneviève Tschumi, Gabriella Guilfoil, Tatia Jibladze und Stephanie Christiano) wird knatternd getragen vom entfesselten Orchester. Die Bühne ist in eine hoch aufragende Gerichtsmedizin für frisch gemeuchelte Helden mit angeschlossenem Krematorium verwandelt. Und Konrad Kästner jongliert im Video prompt mit 2001-Space-Odyssey, Star-Wars- und Apocalypse-Now-Assoziationen. Doch finden alle zurück zur intensiven Intimität, wenn der Feuerzauber fein glitzert und Loge im Video die Wache über Brünnhildes Schlafkapsel übernimmt.

Termine am 25. März, 3. und 23. April, 5. und 15. Mai, 10. und 25. Juni sowie 9. Juli. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3