23 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Starke Frauen, schwacher Gott

Der „Ring“ an der Oper Kiel Starke Frauen, schwacher Gott

„Alle Rheingold-Abende waren so gut wie ausverkauft, der Run auf die Walküre ist bereits spürbar groß“: Die Oper Kiel hat beim aufwändigen Ring-Projekt Rückenwind vom Publikum. Am 12. März feiern Intendant Daniel Karasek und Generalmusikdirektor Georg Fritzsch mit dem zweiten Teil Premiere.

Voriger Artikel
Siegfried Lenz' "Überläufer" ist ein fulminanter Erfolg
Nächster Artikel
Raumbilder in den Facetten der Zeit

Regisseur Daniel Karasek (li.) setzt auch am zweiten „Ring“-Abend auf die Videos von Medienkünstler Konrad Kästner.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. „Von der Regie und Konzeption her wird das ganz anders, Rheingold ist letztlich ein Naturschauspiel hat fabelhafte, märchenhafte und mythische Züge.“ Die Walküre aber emfindet Karasek als wesentlich heutiger und führt sie in der Bühnengestaltung deshalb weg von der Abstraktion ins Konkrete. „Privatheit ist wichtig, Innensichten. Es ist ja gigantische Musik, aber wenn ich eine Regiekritiksitzung habe, sitze ich nur mit fünf, sechs Sängern zusammen. Es ist das größte Kammerspiel, das ich kenne. Deshalb werden auch die Videos von Konrad Kästner eigenständiger und persönlicher.“

 Fritzsch ist da ganz bei ihm: Rheingold stehe einzigartig da in Wagners Schaffen. Da stecke eine von Mozart her gedachte Konversation drin, nah an der Handlung. „Bei der Walküre bin ich ganz nah am Tristan – auch, weil im Prinzip nur Zweierszenen ablaufen.“

 Karasek musste bei der Beschäftigung ersteinmal gehörigen Respekt abbauen: „Ich bin in erster Linie ja ein Schauspielmensch und lese deshalb die Texte. Und dann stellt man plötzlich fest, dass Wagner in seinem Wahnsinn das Well-made-Play vorweggenommen hat: Es gibt da Regieanweisungen von einer Präzision, wie man sie später bei Tennesse Williams schätzt. Das gibt einem schon ein sehr gutes Gerüst.“ Er habe dann versucht, durch die Räume den ausufernden Dialog-Strecken aktiv zu begegnen. „Mir war es wichtig, so viel Dynamik wie möglich – beispielsweise in den Anfang des Zweiten Aktes – hineinzubringen, ohne dabei zu gefährden, dass noch gut gesungen werden kann. Schwieriger ist das im Ersten Aufzug, wo die inzestuöse Liebe zwischen den Geschwistern Siegmund und Sieglinde, wie in einem Gefängnis der Langsamkeit festsitzt.“

 Das Stichwort ruft den GMD auf den Plan: Er hat Zitate der Lisztsschen Faust-Symphonie sowohl bei Sieglinde und Siegmund als auch bei Brünnhilde und Wotan in der Partitur entdeckt – als Rückbezug auf ein dramatisches Dreieck zwischen zwei Liebenden und dem bedrohlich Mephistophelischen im Hintergrund. „Da spüre ich, dass die Zeitverzögerung in einer hoch brisanten Situation, der Wert des Moments und die Sehnsucht nach dem endlosen Augenblick in genialer Weise mitgedacht ist. Wer mir sagt, er kenne den Ring, erscheint mir suspekt. Ich selber habe das Gefühl, gerade eben die Dimension des Ganzen zu erspüren, wenn ich mich intensiv damit beschäftige. Es ist unfassbar, wie komplex und tragfähig das alles über eine lange Distanz konstruiert ist.“

 Wotan, der Gott, Politiker und Vater, sehen beide von einer extremen Libido gesteuert. Auch bei Erda, da sind sich die Kieler Theaterchefs amüsiert einig, habe er zwar schöne und kluge Töchter gezeugt, aber letztlich nicht richtig zugehört ... „Männer!“, lacht Fritzsch. Auch die Auseinandersetzung mit der intelligent argumentierenden, keineswegs nur keifenden „Präsidentengattin“ Fricka empfindet Karasek als bis heute gültig. „Er gibt ja nicht nach, weil sie ihm auf den Wecker geht, sondern weil sie Recht hat.“

 Ansonsten glänze die weibliche Titelfigur Brünnhilde: „Es ist die ergreifendste Vater-Tochter-Geschichte, die ich kenne. Auf eine psychoanalytisch perfekte Weise wird hier die Emanzipation einer Tochter thematisiert und das, was ein Vater zulassen möchte, zulassen kann und zulassen muss“, sagt Karasek, „er muss sich ja verabschieden, um selber weiter existieren zu können.“

 Im Rheingold sei er der Mächtige, in der Walküre aber trete er als Gott ab, weil er sich – nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit Fricka – bewusst werde, dass er selber zum Opfer seines Machtgebäudes geworden ist. Die Nähe zur Tochter als Vaterfigur sieht der Regisseur als Kompensation.

 “Letzlich ist all das ein einziges Debakel für seine Funktion und seine Eitelkeit“, so Karasek. Wotan muss erkennen, dass er in seiner Not kurzsichtig geworden ist und seine Tochter die Dinge und Notwendigkeiten viel souveräner erkennt. „Wagner hat sich da, meiner Meinung nach, in der Krise selbst porträtiert: Der Genius bekommt nicht alles so, wie er es will. Gemeinsam mit der Tochter findet er aber am Ende einen möglichen Weg. Deshalb hat für mich das Ende der Walküre nichts Destruktives.“

 Oper Kiel, Premiere am Sa 12. März, 18 Uhr. Restkarten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3