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Prächtiges Gebratze

SHMF: Mnozil Brass Prächtiges Gebratze

Volles Rohr reichte als Messattribut für den SHMF-Auftritt des siebenköpfigen und vor allem siebenlungigen Ensembles Mnozil Brass denn auch im akustisch überforderten Kieler Schloss nicht ansatzweise aus. Eher assoziierte man im Fokus der Schalltrichter mehrfach einen Raketenstart oder Vulkanausbruch.

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Maßgeschneiderte Schrägheiten: Die unterschiedlich attraktiven Mnozil Brass-Mitglieder bliesen allesamt hinreißend.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Es gibt ein bewährtes Gesetz in Dirigentenkreisen: Bloß die Blechbläser nicht angucken beim Einsatz. Die fühlen sich dann nämlich herausgefordert und pusten alle anderen Mitspieler samt ihrer Töne gnadenlos von der Rampe. Entsprechend fällt der Effekt aus, wenn sich die bierschwangeren Mundstück-Rocker selber alleine auf einer Bühne mal so richtig gehen lassen.

Ohren zu und durch? Keineswegs. Denn was die durchgeknallten Ösis da herausposaunten, war keineswegs nur laut, sondern auch ziemlich gut. Ihre Ensemblekultur hat längst ein Niveau erreicht, das einen nicht nur zum Gnadeflehen auf die Knie zwingt. Wie da Tom Jones’ Help yourself hingebratzt wurde, ein Schostakowitsch-Quartettsatz herrlich verquer aufbereitet war, spanisches Kolorit knatterte, oder Cindy Lauper und Miley Cirus mit ihrem Girls wanna have fun gleich beide alt im Vergleich mit den Jungs aussahen, das machte viel Spaß. Und es gab neben bretthart eben auch butterweich. Da wurde ganz selbstverständlich, ohne große Zeichengebung miteinander geatmet und abgetönt. Die Trompeten Thomas Gansch, Robert Rother und Roman Rindberger verstrahlten Glanz, die Posaunen Zoltan Kiss, Gerhard Füßl und Leonard Paul sorgten für warm timbrierte Mittel- und Gesangsstimmen. Und die seit 2015 neue Tuba von Albert Wieder war sowieso eine manchmal erstaunlich agile Bassbasis für sich. Hohe Ensemblekultur erwies sich sogar beim gemeinsamen a-cappella-Singen: Die kleine Frühlingsweise der Comedian Harmonists so sauber und wohltönend auf den Punkt zu bringen, ist alles andere als einfach.

 Dass die glorreichen Sieben aus der Wiener Kneipe auch als schräge Musikkabarettisten eine Klasse für sich bilden, hat man in anderen Programmen allerdings schon deutlicher gemerkt. Hier wurde halt geblödelt und chargiert, dass die Schwarte krachte. Das Format Yes, yes, yes wird spanischsprachig „moderiert“ vom allemal jazz- und halbwegs sprachbegabten Thomas Gansch. Der Ungarnflüchtling Kiss ist als Don Giovanni und DJ-Pantomime ein Pfundskerl im tönenden Auffanglager. Alle anderen bringen sprechende Augen, Ohren oder Hüftschwünge ein. Keine Frage: Die zweieinhalb Stunden der entfesselten, aber letztlich doch immer coolen Bananenrepublik-Guerilleros begeisterte das Publikum im nahezu ausverkauften Haus. Gut anzugucken eben; zu hören sowieso.

www.shmf.de

www.mnozilbrass.at

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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